Northrop Grumman
Hochfliegende Tankerträume

Northrop Grumman kann nicht klagen. Die drittgrößte US-Waffenschmiede nach Lockheed Martin und Boeing profitiert wie die Branche seit Jahren von üppigen US-Staatsausgaben für Rüstung und innere Sicherheit. Aber Northrop Grumman hat einen Traum.

PORTLAND. Gerade erst übertraf Northrop Grumman mit einem Reingewinn von 489 Millionen Dollar im dritten Quartal erneut die Schätzungen der Analysten. Der Umsatz nahm gegenüber dem Vorjahr um sieben Prozent auf knapp acht Milliarden Dollar zu, der Auftragsbestand erreichte mit 64 Milliarden Dollar einen neuen Rekord, und der Aktienkurs erklomm einen Höchstwert.

Aber Northrop Grumman hat einen Traum. Der Konzern, dessen Umsatz mit Militärflugzeugen zuletzt bei zwei Milliarden Dollar stagnierte, will zusammen mit dem europäischen EADS-Konsortium und gegen die Konkurrenz von Boeing die veraltete Lufttankerflotte der US-Luftwaffe erneuern. Die Aus-schreibungsunterlagen sind eingereicht; Boeing bietet eine Version ihres Langstreckenjets 767, Northrop/EADS treten mit eine für militärische Zwecke umgerüsteten Airbus A 330, an. Das Pentagon plant, den Auftrag, der einen Wert von 40 Milliarden Dollar allein in der ersten Phase haben könnte, noch in diesem Jahr zu vergeben. Das sieht jedoch eher nach Wunschdenken aus.

Zum einen hat der Tankerauftrag eine dunkle Geschichte. Boeing hatte ihn 2003 bereits in der Tasche, bis sich bei Ermittlungen des Kongresses herausstellte, dass bei der Vergabe Bestechung im Spiel war. Damals sollte die Erneuerung der aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Tankerflotte noch 26 Milliarden Dollar kosten. Zum anderen hat die Bush-Regierung für die Kriege in Afghanistan und im Irak bereits mehr als 600 Milliarden Dollar ausgegeben, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Für ehrgeizige neue Rüstungsprojekte ist kein Geld mehr in der Staatskasse.

Northrop, die den Airbus mit bis zu 1 500 Beschäftigten in einem neuen Werk in Mobile, Alabama, für Militäraufgaben ausrüsten will, trommelt seit Monaten mit Versprechungen, dass der Auftrag über 25 000 neue Arbeitsplätze schaffen würde, für politische Unterstützung. Der Bundesstaat Alabama will das Werk mit 110 Millionen Dollar subventionieren, und auch die umliegenden Südstaaten Mississippi, Tennessee, Virginia und Florida hoffen auf neue Jobs. Auf der anderen Seite argumentiert die Boeing-Lobby damit, dass der Konzern das gesamte Flugzeug in den USA bauen und damit mehr einheimische Arbeitsplätze schaffen würde. Die Lobbyarbeit der beiden Kontrahenten geriet so intensiv, dass kürzlich die Gouverneure von fünf Südstaaten an Bush appellierten, die Vergabe des Tankerauftrages frei von politischen Erwägungen zu halten.

Dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen. Politik, vor allem Beschäftigungspolitik, steht bei jedem US-Rüstungsauftrag mehr oder weniger im Vordergrund. Im vergangenen Jahr strich das Pentagon Anforderungen für C-130 Militärtransporter von Lockheed aus dem Budget – der Kongress setzte die Mittel aus überparteilicher Sorge um Arbeitsplätze wieder ein. Die arbeitnehmerfreundlichen Demokraten haben zwar neuerdings wieder die Macht im Kongress, aber 40 Milliarden Dollar für neue Militärtanker zusätzlich zu einem Rekordrüstungsbudget dürften sie ihren Wählern schwerlich erklären können, zumal nachdem es ihnen nicht gelang, fünf Milliarden Dollar für die Krankenversorgung bedürftiger Kinder gegen das Veto von Bush durchzusetzen.

Die Wahrscheinlichkeit ist deshalb groß, dass der Kongress nur ein paar hundert Millionen Dollar an „Forschungsgeldern“ locker macht, um die Entwicklung der Tanker am Leben zu erhalten, die Erteilung des Auftrages aber auf Eis legt. Das wäre mittelfristig für Northrop, deren Luftfahrtbereich lahmt, und für EADS, die mit dem Auftrag groß in das US-Rüstungsgeschäft einsteigen will, schmerzlicher als für Boeing. Der Konzern sitzt im Zivil- und Militärgeschäft auf prallen Auftragsbüchern und hat mit dem Produktionsanlauf für das Großflugzeug 787 alle Hände voll zu tun.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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