Notfallplan für Kleinfeld-Nachfolge
Siemens-Aufsichtsrat gerät unter Zugzwang

Auf der Suche nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden für den Münchener Siemens-Konzern gerät der neue Aufsichtsratschef Gerhard Cromme zunehmend unter Druck. Die Chancen, seinen Wunschkandidaten, den Linde-Chef Wolfgang Reitzle, abzuwerben, sinken von Stunde zu Stunde. Trotz weiterer intensiver Versuche, den Linde-Chef zu verpflichten, machte der Aufsichtsratsvorsitzende am Donnerstag keinerlei Fortschritte.

cha/jojo/fo/jkn/mjh/rob/slo MÜNCHEN. Angesichts dieser prekären Situation haben sich die treibenden Kräfte hinter der Neubesetzung des Siemens-Chefsessels, Cromme und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, einen Notfallplan zurechtgelegt. Das erfuhr das Handelsblatt aus Finanzkreisen.

Demnach würde Vielfach-Aufsichtsrat und Ex-Stahlmanager Cromme für einige Monate selbst die Siemens-Führung übernehmen. Ein Sprecher von Thyssen-Krupp dementierte derartige Pläne allerdings. Im Umfeld von Siemens hieß es am Donnerstag dennoch, Cromme werde notfalls selbst einspringen, sollte er nicht bald einen geeigneten Kandidaten präsentieren können.

Der noch amtierende Siemens-Chef Klaus Kleinfeld hatte am Mittwoch angekündigt, dass er für eine Vertragsverlängerung nicht mehr zur Verfügung steht. Er verabschiedete sich am Donnerstag mit glänzenden Halbjahreszahlen und verordnete dem Konzern ein neues Renditeprogramm. In Konzernkreisen sorgte das für Verwunderung. Kleinfeld hinterlasse seinem Nachfolger eine schwere Erblast.

Sollte es zur Notlösung kommen, müsste Cromme den Aufsichtsratsposten räumen. Die Lufthansa dementierte am Nachmittag Informationen, wonach ihr Chefkontrolleur Jürgen Weber bei Siemens als Aufsichtsratschef einspringen soll.

Doch nicht nur die ungelöste Führungsfrage belastet Siemens. Die Krise in Europas größtem Technikkonzern verschärft sich auch dadurch, dass die US-Börsenaufsicht SEC ihre Untersuchungen im Schmiergeldskandal formal verschärft hat. Cromme gab die Ermittlungen der SEC am Donnerstag als Hauptgrund dafür an, dass der Kleinfeld-Vertrag nicht verlängert werden sollte.

An den Finanzmärkten kommt das Vorgehen Crommes und Ackermanns nicht gut an. Offenbar erwägen große institutionelle Siemens-Aktionäre eine Aktion, um das "skandalöse Vorgehen des Aufsichtsrats" in Sachen Kleinfeld anzuprangern. Immerhin hätten die Kursverluste der Aktie nach Kleinfelds Rücktritt die Aktionäre um knapp zwei Mrd. Euro ärmer gemacht. Michael Hagmann, Siemens-Analyst bei der Londoner Investmentbank UBS Warburg, sagte: "Nach unseren Informationen können wir nicht nachvollziehen, dass der Siemens-Aufsichtsrat die Interessen der Aktionäre vertritt." Zudem deutete die Ratingagentur Standard & Poor's am Donnerstag an, dass Siemens herabgestuft werden könnte.

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