Nutzen und Kosten
Krebsmittel von Roche und Merck sind Briten zu teuer

Zwei der erfolgreichsten Krebsmedikamente der letzten Jahre haben eine Absage vom britischen Gesundheits-System erhalten. So sollen die Darmkrebsmittel Avastin von Roche und Erbitux von Merck KGaA in Großbritannien nicht erstattet werden, weil sie gemessen an den hohen Kosten zu wenig klinischen Nutzen bieten.

FRANKFURT. Das geht aus einer Empfehlung des National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) hervor. Das Urteil des NICE wird nach Einschätzung von Fachleuten die Diskussion um die Nutzenbewertung von Medikamenten weiter anheizen. Allerdings gilt es als unwahrscheinlich, dass bei diesen Krebsmedikamenten andere europäische Staaten dem britischen Beispiel folgen werden. „Das britische Gesundheitssystem ist bekannt dafür, dass es ökonomische Erwägungen besonders in den Vordergrund stellt“, so Pharma-Analyst Peter Spengler von der DZ Bank.

Eher dürfte die Kosten-Nutzen-Diskussion in anderen Therapiebereichen außerhalb der Krebsbehandlung eine Rolle spielen. In Deutschland sorgte vor wenigen Wochen die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (GBA) für Aufsehen, bestimmte Insulin-Varianten künftig von der Erstattung durch die gesetzlichen Kassen auszuklammern. Grundlage dafür war eine Analyse des neu geschaffenen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), zu dessen Aufgaben ebenfalls die Nutzenbewertung von Medikamenten gehört. Mit der Evaluierung der Darmkrebsmittel ist das IQWiG bisher allerdings noch nicht befasst.

Erbitux und Avastin gehören zu einer Gruppe von neuartigen Krebs-Medikamenten, die in den vergangenen Jahren aufgrund ihrer Wirkungsmechanismen für Furore sorgten. Gegenüber klassischen Chemotherapeutika zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie gezielter an den Krebszellen angreifen und dadurch tendenziell geringere Nebenwirkungen verursachen. Bei schwerkranken Patienten verlängerten sie in den klinischen Tests die Lebenszeit um durchschnittlich drei bis fünf Monate, was als deutlicher Fortschritt gilt.

Beide Produkte kamen mit entsprechend hohen Preisen auf den Markt und erwiesen sich wirtschaftlich bisher als ausgesprochen erfolgreich. Avastin verdoppelte den Umsatz im ersten Halbjahr 2006 auf umgerechnet knapp 900 Mill. Euro. Erbitux brachte Merck Erlöse von 155 Mill. Euro und ist damit das umsatzstärkste Pharmaprodukt des Darmstädter Konzerns.

Beim britischen NICE sind die Medikamente nun vor allem aufgrund ihrer hohen Preise durchgefallen. Das Institut beurteilt die Relation von Kosten und Nutzen auf relativ strikte Weise. Maßstab sind die Kosten, die nötig sind, um ein zusätzliches Lebensjahr in guter Lebensqualität zu gewinnen. Therapien, deren Kosten 44 000 Euro pro Lebensjahr überschreiten, werden nicht für die Erstattung empfohlen. Und das war aus Sicht des NICE bei beiden Krebsmedikamenten der Fall.

Bei Avastin schätzten die NICE-Gutachter die Kosten auf mehr als 48 000 Euro pro Lebensjahr, bei Erbitux auf Werte von mehr als 100 000 Euro. Merck will die Entscheidung anfechten. „Wir sind überzeugt, dass das Mittel einen signifikanten Nutzen bietet“, sagte ein Firmensprecher. Roche will zunächst die Entscheidung von NICE über den Einsatz von Avastin bei Brustkrebs abwarten.

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