Nutzfahrzeugbranche gerät in Bewegung
Analyse: Volkswagen unter Zugzwang

Die jüngsten Berichte über eine mögliche Übernahme des Münchner Nutzfahrzeugbauers MAN durch Volkswagen haben den Spekulationen über eine bevorstehende Konsolidierungsrunde in der kriselnden Branche neue Nahrung gegeben.

HB/dpa WOLFSBURG/MÜNCHEN. Volkswagen rückt bei dem Spiel um Marktanteile und weltweite Absatzmärkte immer mehr ins Zentrum, zumal der Aktionsradius der beiden Schwergewichte unter den Brummibauern, Daimler-Chrysler und Volvo, durch das Kartellrecht eingeschränkt ist. Um die restlichen Stücke des Marktkuchens streiten sich neben MAN und Volkswagen die Unternehmen Scania, Iveco sowie DAF.

Zwar halten die meisten Automobilexperten eine MAN-Übernahme durch VW für möglich. Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen erkennt in dem möglichen Engagement aber „keine sinnvolle Ergänzung der VW-Produktpalette“: „Die Synergien sind so klein, als würde VW anstatt MAN einen Flugzeugbauer kaufen.“ Andere Konzerne hätten bereits bewiesen, „dass auch ausschließlich mit leichten Transportern gute Ergebnisse erzielt werden können“, hält er Befürwortern einer Verstärkung Volkswagens mit schweren Lastwagen entgegen. „PSA und Renault in Frankreich sind damit erfolgreich.“

In der Branche wird zudem bezweifelt, ob VW-Chef Bernd Pischetsrieder gut beraten wäre, sich mit MAN einen neuen Krisenherd in den Konzern zu holen. Vor allem das Busgeschäft leidet Not, der Kauf von Neoplan noch längst nicht verarbeitet und auch die Bilanzfälschungen bei der britischen Tochter ERF drücken auf Rentabilität und Stimmung. Die Lastwagensparte kam 2002 nur mit Mühe in die schwarzen Zahlen. Ob Pischetsrieder das angesichts eigener flauer Verkaufszahlen brauchen kann, scheint zumindest fraglich.

Einig ist man sich in der Branche jedoch, dass einzig und allein Pischetsrieder den Stillstand der Branche in Europa beenden kann. „An ihm liegt es in erster Linie, wie der Nutzfahrzeugmarkt in Europa in zwei Jahren aussieht“, sagte Brummi-Experte Albrecht Dennighoff von der HypoVereinsbank. „Er kann MAN schlucken, sich an MAN beteiligen oder mit MAN kooperieren - fest steht aber, dass MAN zurzeit für VW so billig zu haben wäre wie nie.“

Gelänge Volkswagen eine Übernahme des MAN Nutzfahrzeuggeschäfts wäre der Konzern hinter DaimlerChrysler und Volvo die Nummer drei auf dem weltweiten Lkw-Markt. Pischetsrieder wäre dann in doppelter Hinsicht der lachende Dritte, denn im Gegensatz zu seinen beiden Konkurrenten hätte er bei einem Zukauf nach Einschätzung von Branchenexperten keinen Gegendwind aus Brüssel zu befürchten. Weder VW noch MAN verfügen in Europa über eine derart marktbeherrschende Stellung, dass eine Übernahme den strengen EU-Wettbewerbshütern ein Dorn im Auge sein dürfte.

Hinter der Idee, das bisher mit leichten Transportern eher dürftige VW-Programm bis zum schweren Truck zu erweitern, steckt kein geringerer als der mächtige Aufsichtsratschef und frühere Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piëch. Auf sein Betreiben hin hatte sich Volkswagen vor drei Jahren 34 Prozent der Stimmrechte beim schwedischen Lkw- und Bushersteller Scania gesichert. Ein Engagement, aus dem VW bisher zwar noch wenig Nutzen gezogen hat, das aber auch Piëchs Nachfolger Pischetsrieder verteidigt. Seinen restlichen Anteil an Scania muss Volvo entsprechend der EU-Vorgaben bis Mitte 2004 verkaufen - VW gilt auch hier als möglicher Käufer.

Für den Fall, dass ein Übernahmeversuch von MAN scheitern sollte, hat Pischetsrieder damit zwei Optionen: Immer wieder hat er erklärt, aus dem Nutzfahrzeuggeschäft aussteigen zu wollen, sollte VW nicht bald zu ganz Großen der Branche gehören. Die vom Volkswagen-Chef selbst gesetzte Frist für eine Neuordnung der Sparte läuft 2004 aus. Variante zwei: Er bietet 2004 mit um die restlichen Scania-Anteile und kommt auf diese Weise zu den ersehnten schweren Brummis.

Sollte VW das Nutzfahrzeuggeschäft der Münchner tatsächlich übernehmen, bliebe die Frage, wie der Gemischtwarenladen MAN (Nutzfahrzeuge, Schiffsdiesel, Druckmaschinen und Industrieanlagen) ohne seine wichtigste Sparte bestehen will. Immerhin trug das Lastwagen- und Busgeschäft im vergangenen Jahr 40 Prozent zum Konzernumsatz von rund 16 Milliarden Euro bei, und galt bisher selbst in Krisenzeiten als Kerngeschäft. Einen Torso MAN kann und will sich an der Isar niemand vorstellen. Die verbliebenen Konzernteile müssten also durch Zukäufe wieder gestärkt werden - sonst droht die Zerlegung. „Das wäre eine Katastrophe für MAN“, heißt es in Unternehmenskreisen, „und das Ende eines Dickschiffs der deutschen Industrie“.

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