Nutzfahrzeugmesse
Die unsichtbaren Dritten

Während die europäischen Lkw-Riesen auf der IAA ihre globalen Wachstumschancen preisen, wird eine Gefahr verschwiegen. Die großen Hersteller aus den Schwellenländern erhöhen den Kostendruck auf die Etablierten.
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HannoverHupende Tuk-Tuks, schwer beladene Fahrräder und bunt-kostümierte Inder – mit diesem nachgestellten Straßenbild einer indischen Großstadt begann der Daimler-Markenabend „Trucks of the world“. Die Botschaft war deutlich: Daimler, der traditionsreiche Lkw-Bauer, will sich auf der Nutzfahrzeugmesse IAA als globaler Konzern präsentieren: stark in der Heimat, präsent in den Wachstumsmärkten. Vor den Augen des versammelten Führungspersonals fuhren die internationalen Marken des Konzerns vor. Der US-Truckhersteller Freightliner, Fuso aus Japan, Kamaz aus Russland und Bharat Benz, die neue Marke für den indischen Markt. Auf der Bühne beschwor Daimler-Nutzfahrzeugvorstand Renschler die Zukunft in den Wachstumsmärkten. Doch er verschweigt: Die heile Welt des Marktführers ist in Gefahr.

Welche Gefahr zum Auftakt der Nutzfahrzeug-IAA hinter den Kulissen schwelt, wird erst am nächsten Morgen auf der Eröffnungspressekonferenz des Daimler-Konzerns deutlich, als ein chinesischer Journalist eine Frage stellt. „Wann“, will der chinesische Autojournalist wissen, „sei damit zu rechnen, dass auch chinesische Hersteller den europäischen Markt ins Visier nehmen?“ Daimler-Vorstand Renschler antwortet ausweichend, spricht von unterschiedlichen Kundenanforderungen in den BRIC-Staaten, von den neuen Daimler-Modellen für den chinesischen Markt, um schließlich zu dem Schluss zu kommen:. „Irgendwann vielleicht, aber vorerst nicht.“


Während sich die europäischen Nutzfahrzeughersteller auf der IAA in Hannover für ihre internationalen Erfolge feiern und die großen Wachstumspotentiale in den Schwellenländern beschwören, wird eine Gefahr ausgeklammert: Was passiert, wenn die asiatischen Volumenhersteller in die margenreichen Märkte in den USA und Europa drängen? Derzeit ist die Marge in Europa nach Daten der Unternehmensberater von McKinsey mit fast 7,3 Prozent fast dreimal so hoch wie in China mit 2,6 Prozent. Mit neuen Gegenspielern dürfte sich das schnell ändern.

Momentan scheint diese Gefahr noch weit entfernt. Durch die aktuelle Euro-VI-Gesetzgebung fehlt den neuen Herausforderern schlicht das Know-How, um im europäischen Wettbewerb bestehen zu können. Doch mit Anpassung der Abgasregelungen in den Schwellenländern könnte sich das schneller ändern, als den etablierten Herstellern lieb ist.


Auch die schwierige Marktsituation in Europa könnte zur Gefahr für die global aufgestellten, westlichen Hersteller werden. Denn wenn ein angeschlagener europäischer Hersteller mit Hochtechnologie im Portfolio wie Iveco von einem  finanzstarken asiatischen Hersteller übernommen würde, wäre der technologische Vorsprung mit einem Male dahin. Um dieser Gefahr zuvor zu kommen, hatte Daimler vor zwei Jahren Gespräche über eine Übernahme mit dem italienischen Lkw-Hersteller geführt, die allerdings ergebnislos abgebrochen wurden. Aus Daimler-Kreisen hieß es, dass Iveco-Eigentümer Fiat zu viel Geld gefordert habe.

Erneute Übernahmegespräche sind erst mal nicht in Sicht. Auf der IAA erteilte Daimler-Nutzfahrzeuge-Chef Renschler weiteren Übernahmen in Europa eine Absage. Für die asiatischen Hersteller könnte eine Übernahme von Iveco dagegen der Schlüssel zum europäischen Markt sein.

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