Ökonomische Wochenschau
Operation Regenwurm

Vor 32 Jahren teilte Herbert Quandt die Varta AG durch drei - um sie clever zu vererben und um ihr Überleben zu sichern. Ersteres gelang, Letzteres nicht.

MÜNCHEN. Die Vorstandssitzung beginnt gegen neun Uhr. Ausführlich beraten die Herren die Lage: Starterbatterien? Trockenbatterien? Industriebatterien? Der Bleipreis? Der Automarkt? Die Batterieforschung? Belegte Brote statt Mittagessen. Erst gegen 18 Uhr wenden sich die Vorstände dem dritten Drittel ihres Konzernumsatzes zu: Parfum, Babybrei, Grubenlampen, Medikamente, Luftfilter und manches mehr. 30 Minuten später ist die Sitzung vorbei.

Es ist ein Abend anno 1971. Und der frischgebackene Vizechef der Varta AG ist "fassungslos". Nun ist ihm klar, weshalb die einst so erfolgreiche Varta ihrem Inhaber Herbert Quandt kaum noch etwas einbringt. "Varta war der Packesel, an dem alles Mögliche dranhing", erinnert sich Hans Graf von der Goltz, "aber irgendwann konnte der Esel nichts mehr tragen" - zumal wenn der Mischkonzern geführt werde "wie zu Großvaters Zeiten".

Zurück am Familiensitz in Bad Homburg nimmt Goltz seinen neuen Chef beiseite. Herbert Quandt ist 61 Jahre alt und wegen eines Augenleidens fast blind. Sein Industriereich umfasst neben Varta die Industriewerke Karlsruhe/Augsburg (IWKA) und große Aktienpakete an BMW und Daimler-Benz. Hunderttausende von Arbeitsplätzen hängen direkt oder indirekt von ihm ab. Von der Goltz, 45 und erst seit kurzem "persönlicher Generalbevollmächtigter" des Industriellen, sagt zu Quandt: "Wenn wir nichts Dramatisches tun, ist die Familie Quandt im Februar 1974 pleite."

"Das konnte man leicht ausrechnen", sagt Graf von der Goltz heute.

Varta und die Quandts: In dieser Beziehung spiegelt sich die gesamte deutsche Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit wider: auferstanden aus Ruinen, Aufstieg, unternehmerisches Genie, Familiendrama, Stagnation, Befreiungsschlag - Kriegssünden. Im Juni 1976, vor genau 32 Jahren, fiel eine spektakuläre Entscheidung, die bis heute nachwirkt: Varta wird, 89 Jahre nach der Gründung, aufgeteilt. Der Coup trug erheblich zur Rettung des Quandt-Imperiums bei, er stellte den Familienfrieden bei den Quandts wieder her, er wurde zum Vorbild für andere Familienkonzerne. Und er bewies eine neue Theorie der Konzernführung: die "Regenwurm-Theorie".

Der Mann, der die Theorie erfand, lebt heute in München. Aus dem Englischen Garten trällern Vögel herüber. Manche der Wohnheime der nahen Studentenstadt sehen so abgelebt aus, als wären sie in dem Jahr erbaut worden, in dem von der Goltz zu Stettin geboren wurde: 1926. Vorfahren wie der "Moskowitische General Goltz" blicken ihm aus Bilderrahmen im Arbeitszimmer über die Schulter.

Im Juli 1970 ist von der Goltz "Vorstandsvorsitzer", wie er sagt, bei Klöckner in Duisburg. Das Telefon klingelt: "Hier Quandt", sagt der Anrufer. Der Industrielle suchte einen "Prinzregenten", sagt von der Goltz, "der das Ruder in die Hand nimmt, bis die nächste Generation so weit ist". Man trifft sich. Erst im Breidenbacher Hof zu Düsseldorf. Sechs Tage später bei Quandts in Bad Homburg. Von der Goltz sagt ab. Befreundete Bankiers wie Deutsche-Bank-Chef Franz Heinrich Ulrich haben ihm anvertraut, Quandt stehe vor der Pleite. Keine Großbank gebe ihm noch Kredit.

Seite 1:

Operation Regenwurm

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%