Ökonomische Wochenschau, Teil 65
Ausgedampft

Im Dezember 1959 läutet die Deutsche Bahn das Ende einer Ära ein: Die letzte Dampflok wird ausgeliefert. Bis zum ICE ist es aber noch ein weiter Weg.

HAMM. Dicker Rauch quillt aus dem Schornstein, doch die Lok bewegt sich keinen Zentimeter. Michaela Quante schippt eine Ladung Kohle ins Feuer. Dann Äste und Holzlatten. Und wieder Kohle. Und Holz. Immer dunkler wird der Rauch, immer dunkler färbt sich das Gesicht der Lokführerin. „Sie will heute wohl nicht“, ruft die junge Frau. Also noch mehr Kohle.

Endlich bewegt sich der Zeiger des Kessel-Druckmessers. Die Luftpumpe fängt an zu stampfen. Quantes Gesichtszüge entspannen sich. „Es kann losgehen.“

Die Lok stinkt, pfeift und qualmt. Das ist genau, was die Fahrgäste wollen. Hundert Kinder und ihre Eltern sitzen an diesem kalten Dezembertag gespannt in den dunkelgrünen Waggons des Museumsbahnvereins Hamm. Hobbylokführerin Michaela Quante nimmt sie mit auf eine Reise in die Vergangenheit – als die Mühen des Fortkommens der Technik noch anzusehen sind, als nicht Bordcomputer, sondern öltriefende Stangen ihre Arbeit verrichten, ein Aroma von Kohle und Schmierstoffen die Nase umweht, ein Ächzen und Klagen die Fahrt begleitet.

Vor fast 200 Jahren hat die Ära der Dampfloks begonnen. Das Ende ist in Deutschland im Dezember 1959 absehbar – mit der Auslieferung der letzten Dampflok mit der Nummer „23 105“ an die Bundesbahn.

Dass diese Technik jemals wieder Begeisterung hervorrufen würde, ist in den 50er-Jahren kaum vorstellbar. Denn das Dampfspektakel ist genau so eindrucksvoll wie unwirtschaftlich. Zwar sind die qualmenden Züge nach dem Krieg zunächst noch ein Symbol für den Wirtschaftsaufschwung. Neun von zehn Bundesbahn-Loks fahren 1958 mit Dampf. Doch die Stahlkolosse stehen auch für ein Staatsunternehmen, das dem Stand der Technik hinterherhinkt. In einer Zeit, da Flugzeug und Auto das Lebensgefühl der Deutschen bestimmen, zeichnet sich ab, dass der Bahn mit ihrem alten Fuhrpark der Kollaps droht.

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