Ölindustrie
Shell verschuldet sich stärker

Angesichts der eingebrochenen Öl- und Gaspreise war eine harte Landung für Shell wohl vorhersehbar. Und so ist es auch gekommen. Der Ölkonzern steht im ersten Quartal mit einem Gewinnrückgang von 58 Prozent da. Einziger Trost: Beim Konkurrenten BP sieht es auch nicht anders aus.

LONDON. Europas größter Energiekonzern Shell will sich auch von einer längeren Periode niedriger Öl- und Gaspreise nicht vom Kurs abbringen lassen. Der designierte Vorstandschef Peter Voser sagte gestern in einer Telefonkonferenz, dass er auf Sicht von zwölf bis 18 Monaten nicht mit deutlichen Preisanstiegen rechne. Shell werde aber das angekündigte Niveau von Investitionen sowie Dividenden halten, auch wenn das eine Vervielfachung der Schuldenlast bedeute. Voser kündigte an, dass er die gesunde Bilanz des Konzerns nutzen werde, um durch die Flaute hindurch zu investieren.

„Unsere Strategie ist unverändert“, sagte Voser, der am heutigen Donnerstag als Finanzchef abtritt, um zum 1. Juli Vorstandschef zu werden. Mit Investitionen von 31 bis 32 Mrd. Dollar im laufenden Jahr werde Shell die Öl- und Gasquellen erschließen, die das Wachstum der kommenden Jahre tragen sollen. Die Preise für Material und Dienstleistungen begännen bereits zu sinken. Neue Verträge mit Lieferanten schließe der Konzern zu Preisabschlägen von 15 bis 20 Prozent gegenüber 2005 oder 2006. Es werde aber noch ein bis eineinhalb Jahre dauern, bis sich die Kosten ganz an die niedrigeren Ölpreise angepasst hätten, sagte er. Dank der Kostendeflation werde Shell bei Projekten „Milliarden sparen“.

Im ersten Quartal des laufenden Jahres lag der Reingewinn des niederländisch-britischen Konzerns mit 3,5 Mrd. Dollar um 62 Prozent unter Vorjahr. Das liegt vor allem am Verfall der Öl- und Gaspreise im etwa gleichen Ausmaß. Die Konkurrenten BP, Eni und Conoco Phillips haben in den vergangenen Tagen Gewinneinbrüche von 40 bis 80 Prozent berichtet. Der um die Preisschwankungen für Ölprodukte und Chemikalien bereinigte Gewinn zu Wiederbeschaffungskosten sank um 58 Prozent auf 3,3 Mrd. Dollar, während sich der Umsatz auf 58,2 Mrd. Dollar halbierte.

Ähnlich wie Hauptkonkurrent BP hält auch Shell die Ausschüttungen an Aktionäre auf hohem Niveau. Das geht nicht ohne die Aufnahme von Schulden. Während BP bei einem Gewinn von 12,75 Cent je Aktie eine Dividenden von 14 Cent auszahlt, bekommen die Shell-Aktionäre bei 54 Cent Gewinn je Aktie 42 Cent. Voser kündigte an, dass das so genannte Gearing, der Anteil, mit dem Fremdkapital zur Unternehmensfinanzierung beiträgt, im Laufe des Jahres von sieben Prozent auf über 20 Prozent steigen werde. Er äußerte sich nicht dazu, wie weit er die Verschuldung maximal steigen lassen wolle.

Die Shell-Aktie reagierte kaum auf die Zahlen. Analysten sprachen von einem guten Ergebnis, das wie bei BP durch hohe Gewinne im Ölhandel gestützt worden sei.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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