Ölkonzerne
Shell kehrt Windkraft den Rücken

Investitionen in alternative Energien sind für die Ölmultis kein Wert an sich mehr. Nur noch Projekte, deren Rendite mit Öl- und Gasinvestments mithalten kann, haben noch eine Chance. Das unterstrich gestern der scheidende Vorstandschef von Royal Dutch Shell, Jeroen van der Veer, als er die nicht unbedeutende Windkraftsparte ebenso wie das bereits gestutzte Solarenergie-Geschäft zu Auslaufmodellen erklärte.

DIRK HEILMANN | LONDON

Investitionen in alternative Energien sind für die Ölmultis kein Wert an sich mehr. Nur noch Projekte, deren Rendite mit Öl- und Gasinvestments mithalten kann, haben noch eine Chance. Das unterstrich gestern der scheidende Vorstandschef von Royal Dutch Shell, Jeroen van der Veer, als er die nicht unbedeutende Windkraftsparte ebenso wie das bereits gestutzte Solarenergie-Geschäft zu Auslaufmodellen erklärte. Auch im Kerngeschäft mit Öl und Gas setzt Shell Rendite vor Wachstum: Neue Projekte unterliegen einer strengen Kostendisziplin, obwohl die Produktion seit sechs Jahren schrumpft.

"Ich rechne nicht mit weiteren wesentlichen Investitionen in Wind- und Solarenergie", sagte die zuständige Spartenchefin Linda Cook. "Es fällt uns nach wie vor schwer, Wind- und Solarprojekte zu finden, die selbst unter Einschluss erheblicher staatlicher Subventionen mit unseren anderen Investitionschancen konkurrieren könnten." Das Engagement in Biotreibstoffen behalte Shell bei, weil es am nächsten am angestammten Geschäft liege, sagte van der Veer. Shell beschränke sich dabei auf Biotreibstoffe der zweiten Generation, die nicht mit der Lebensmittelproduktion konkurrierten. "Diese sind aber noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium", gestand er ein.

Shell ist mit einer installierten Energieleistung von 550 Megawatt ein bedeutender Produzent von Windenergie. Acht von elf Anlagen stehen in den USA. Aus Europas größter Offshore-Windfarm London Array, die Shell gemeinsam mit Eon in der Themse-Mündung bauen wollte, hat sich der Konzern im Mai 2008 zurückgezogen. Die Begründung lautete schon damals, das Projekt verspreche nicht mehr die gewünschte Rendite. Das Geschäft mit herkömmlichen Solaranlagen hat Shell schon 2006 aufgegeben. Seither beteiligt sich der Konzern noch an Forschungsprojekten für neue Solartechnologien.

Insgesamt hat Shell in den vergangenen fünf Jahren 1,7 Mrd. Dollar in erneuerbare Energien gesteckt - knapp zwei Prozent der gesamten Investitionen. Der Konkurrent BP hat noch im vergangenen Jahr ehrgeizige Wachstumspläne für das Wind- und Solargeschäft genannt, doch zugleich klargestellt, dass er härtere wirtschaftliche Kriterien anlegen werde. Umweltschützer werfen den Konzernen daher vor, dass sie die Investitionen in alternative Energien von Anfang an vor allem aus Imagegründen getätigt hätten.

Eins ist klar: Mehr als eine Randaktivität waren erneuerbare Energien für Shell nie. Europas größtes Unternehmen hat in den vergangenen Jahren dank hoher Ölpreise 125 Mrd. Dollar Reingewinn eingespielt. Zugleich hat es 92 Mrd. Dollar in neue Öl- und Gasvorkommen investiert und 68 Mrd. Dollar an die Aktionäre ausgeschüttet.

Van der Veer bekräftigte, dass Shell im laufenden Jahr 31 bis 32 Mrd. Dollar investieren wolle. Ein Großteil dieser Summe fließt in Projekte, die der Konzern vor dem Ölpreissturz begonnen hat. Mit neuen Investitionsentscheidungen werde gewartet, bis die Baukosten sänken, sagte Malcolm Brinded, Chef der Sparte Exploration und Produktion.

Trotz dieser gewaltigen Investitionen sinkt die Öl- und Gasproduktion von Shell seit sechs Jahren, auch weil Rebellen die Produktion in Nigeria stören und der Konzern einige ältere Ölfelder verkauft hat. 2008 gelang es ihm immerhin, die Produktion zu 95 Prozent mit neuen Öl- und Gasfunden zu ersetzen. Analysten zeigten sich mit dieser Leistung zufrieden, auch wenn sie einmal mehr hinter den Werten von BP zurückblieb. Brinded bekräftigte das Ziel, die Produktion um zwei bis drei Prozent im Jahr zu steigern - auch wenn sie 2009 und 2010 weiter sinken könne.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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