Opel-Rettung
Opel, Magna und die Macht des Geldes

Bye, bye Detroit. Servus, Magna: Opel steht nach der scheidung von der Konzernmutter GM vor dem Neustart in Europa. Voraus ging dem ein monatelanges, nervenzerreibendes Tauziehen, an dem zahlreiche Protagonisten mitwirkten. Wie es dazu kam und was letztlich den Ausschlag für Magna und gegen Fiat gegeben hat.

FRANKFURT. Die Mienen sind ernst. Gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel steht Carl-Peter Forster, der Europachef des Opel-Mutterkonzerns General Motors, im dunklen Anzug mit blauer Krawatte im November vor dem anthrazitfarbenen Stehpult des Kanzleramtes und spart nicht mit beschwichtigenden Worten. Bei dem Krisentreffen in Berlin über eine milliardenschwere staatliche Bürgschaft für den Rüsselsheimer Autobauer gehe es um die Vorsorge für den "äußersten Fall", sagt der Manager an diesem verhangenen Tag in die Mikrofone.

Doch die Führungsriege des Autobauers, die sich an diesem Nachmittag um die ganz in schwarz gekleidete Bundeskanzlerin versammelt hat, weiß, dass für reine Eventualitäten nicht sofort die Spitzen der Berliner Regierung zusammenkommen. Es ist nasskalt in Berlin, ein Tief namens Frauke zieht über die Hauptstadt. Auch die Stimmung im Kanzleramtsbau mit der monumentalen eisernen Skulptur "Berlin" des spanischen Künstlers Eduardo Chillida im Ehrenhof wirkt gedrückt.

Sechs Monate später ist der äußerste Fall Realität geworden. Nach einem mehrstündigen Verhandlungsmarathon im Kanzleramt spricht Bundesfinanzminister Peer Steinbrück um 2.13 Uhr in der Nacht zum Samstag die für die Opelaner erlösenden Worte. "Ich kann ihnen sagen, dass eine Lösung gefunden worden ist", sagt der abgekämpfte Minister in die Mikrophone. Die Opel-Entscheidung ist gefallen. Der kanadisch-österreichische Zuliefererkonzern Magna soll Opel retten.

Für Opel endet damit nicht nur ein nervenaufreibendes Tauziehen um einen Neustart in Europa. Für Opel endet eine ganze Ära. Denn mit dem neuen Investor verliert der in die Insolvenz schwankende US-Mutterkonzern nach langen Jahrzehnten wieder die Kontrolle über seine deutsche Tochter. Am 17. März 1929 hatten die Amerikaner mitten in der heranziehenden Wirtschaftskrise von der Gründerfamilie die Adam Opel KG für 33,3 Millionen Dollar abgekauft. Gut 80 Jahre später muss der schwankende US-Riese, der drohte seine Tochter mit in den Abgrund zu reißen, sich in Rüsselsheim nun wieder auf die Rolle des Minderheitsaktionärs zurückziehen. Der neue Bräutigam von Opel kommt aus Österreich. Bye, bye Detroit. Servus, Magna.

Es ist eine bittere Scheidung für die Amerikaner und eine wichtige Wegmarke für Opel. Selbst im November hatten die Manager in den USA sich noch nicht vorstellen wollen, den Kern des wichtigen Europageschäfts um Opel in die Freiheit zu entlassen. Die alte Strategie war festgezimmert. Nur Randaktivitäten sollten abgestoßen werden, die dringend benötigten Milliarden für den ums Überleben kämpfenden Mutterkonzern und seine Töchter sollten weitgehend vom Steuerzahler kommen. So sieht der Plan, über den Forster, Opel-Chef Hans Demant und Opel-Betriebsratschef Klaus Franz im November mit Merkel in Berlin reden, lediglich vor, dass es eine Bürgschaft des Bundes und der vier Länder für einen Milliardenkredit für Opel gibt und dafür Opel in eine neue Europagesellschaft überführt wird.

Doch der Vorstoß in Berlin wird zum Katalysator. Vor allem einer in der Berliner Runde im Kanzleramt denkt offenbar bereits damals an mehr: Opel-Gesamtbetriebsratschef Franz, der im dunklen Anzug im Kanzleramt mit gefalteten Händen neben Forster steht, sieht endlich die Chance, sich dem Zugriff der ungeliebten Konzernmutter aus Detroit künftig zu entziehen. Schon Ende Januar fliegt er in geheimer Mission in die Konzernzentrale nach Detroit und trifft dort Fritz Henderson, den neuen starken Mann von GM, der bald Rick Wagoner an der Spitze beerben wird. In den gläsernen Hochhaustürmen der GM-Zentrale bringt ihm Franz den Gedanken nahe, dass GM seine europäische Tochter in die Unabhängigkeit entlassen sollte. Nur dann, so erklärt Franz dem GM-Vizechef, könnte Opel sich Hoffnungen auf Staatsbürgschaften in Europa machen.

Doch auch Franz liebäugelt Anfang des Jahres noch nicht mit einem privaten Investor, er präferiert eine Staatsbeteiligung. Frühzeitig zieht er den SPD-Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier auf seine Seite, der endlich ein Wahlkampfthema ausmacht. Ende Februar vollzieht der SPD-Kanzlerkandidat auf einer Großkundgebung der Opelaner dann den Schulterschluss: "Wir wissen noch nicht, wie dieser Kampf ausgeht, aber wir haben gute Karten", ruft er mit dröhnendem Bass ins Mikrofon. "Ich werde jedenfalls nicht zögern, alles zu tun, was in meiner Macht steht." Applaus setzt ein. "Yes, we can - auch ohne GM" steht auf den Plakaten, die die Opelaner hochhalten. Schon einen Tag später machen die Rüsselsheimer Nägel mit Köpfen. Hinter den Fassaden der stahlgrauen Opel-Zentrale am Friedrich-Lutzmann-Ring in Rüsselsheim legt der Opel-Aufsichtsrat auf einer außerordentlichen Sitzung letzte Hand an ein 180 Seiten starkes Sanierungskonzept, das noch am Wochenende der Regierung zugeht und die Grundlage für eine staatliche Kapitalspritze legen soll.

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