Opel und GM
Gefangen in der großen Opel-Falle

Alles schien perfekt, doch nun lässt GM die Bundesregierung zappeln. Eine Entscheidung über den Opel-Verkauf soll erst Anfang September erfolgen - Ergebnis offen. Die Tage in Berlin sind hektisch, fieberhaft wird nach einem Ausweg gesucht - aus der großen Opel-Falle.

BERLIN. John Smith lässt sich nicht drängen. Und schon gar nicht lässt er sich in die Karten schauen. Wie ein Pokerspieler sitzt der Verhandlungsführer von General Motors (GM) am Konferenztisch im Erdgeschoss des Bundeswirtschaftsministeriums. Fragen von Wirtschaftsstaatssekretär Jochen Homann, ob GM die europäische Tochter Opel vielleicht behalten wolle, beantwortet Smith nur ausweichend. Der Zuschlag für Magna sei keinesfalls sicher, noch immer sei der Vertrag mit dem Wunschinvestor der Bundesregierung nicht unterschriftsreif, weil vier Punkte ungeklärt seien.

Noch vier Punkte. Vor ein paar Wochen waren es noch rund zwei Dutzend strittiger Themen, die der US-Konzern mit dem Autozulieferer Magna klären wollte. Vier Punkte sind da ein deutlicher Fortschritt, aber immer noch kein finales Ergebnis. Und so endet die Verhandlungsrunde mit Smith und den Vertretern der deutschen Opel-Task-Force am vergangenen Dienstag erneut ohne Ergebnis. Am Freitag soll es ein weiteres Treffen geben. Doch die Erwartungen sind gering: "Da passiert nichts", sagt ein hoher Regierungsbeamter.

Seit der Verwaltungsrat von GM am vergangenen Freitag keine Entscheidung über den Verkauf von Opel getroffen hat, regiert der Frust in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich schon auf der Siegerstraße gesehen, als sie vor gut zwei Wochen im russischen Sotschi an der Seite von Präsident Dmitrij Medwedjew die Nachricht verbreiten ließ, dass Opel nur an Magna verkauft werden soll. Der Deal schien perfekt, zumindest sollte es so aussehen. Doch nun sitzt Merkel in der Opel-Falle. Die GM-Führung lässt die Bundesregierung zappeln. Eine Entscheidung sei erst Anfang September zu erwarten. Anfang September, wenige Wochen vor der Bundestagswahl - für die Kanzlerin ist das die schlechteste aller denkbaren Varianten. Was ist, wenn sich GM gegen Magna und für den Konkurrenten, den Finanzinvestor RHJ International, entscheidet? Was, wenn GM Opel am Ende gar nicht verkauft? Wenn Opel in die Insolvenz geht?

Seit Wochenbeginn ist plötzlich nichts unmöglich, die Spindoktoren lassen die Gerüchteküche brodeln und Verschwörungstheorien kursieren. Mittendrin in diesem Nachrichtenchaos die Bundesregierung, die mit aller Macht versucht, eine Katastrophe zu vermeiden.

Auf Wunsch des Kanzleramts schaltet sich Samstagabend der Vizekanzler ein. Um 22 Uhr sitzt Frank-Walter Steinmeier im Wagen, es geht Richtung Berlin. Er lässt sich mit Hillary Clinton in Washington verbinden. Steinmeier weiß, oft kann er deren Zeit nicht einfordern. Denn die Außenministerin der Supermacht muss sich noch um andere Themen kümmern als ausgerechnet um Opel. Auf ihrer Agenda stehen Nordkorea, Iran, Nahost. Nur einmal hatte Steinmeier einen solchen Anruf zuvor gewagt, kurz vor der legendären "Kanzleramtsnacht" Ende Mai, als die Politik sich mit Opel-Managern traf, um den Opel-Magna-Deal einzustielen. Doch nun drängt die Zeit.

Also erklärt Steinmeier "Hillary", dass die deutschen Interessen bei jeder Entscheidung über Opel unbedingt berücksichtigt werden müssten, dass die US-Regierung auf GM einwirken solle. Die Botschaft lautet: Merkel und Steinmeier, Kanzlerin und Vizekanzler, Union und SPD sind sich einig. Man brauche eine "schnellstmögliche" Entscheidung. Ohne ein tragfähiges Konzept werde es eben keine Opel-Rettung geben, das müsse man in Washington berücksichtigen. Hillary Clinton hört vor allem zu. Am Ende versichert sie, dass sie mit ihrem Kollegen, Finanzminister Timothy Geithner, nochmals reden werde. Ein Durchbruch klingt anders.

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