Osteuropa und Asien
Billiglohnland Türkei ist zu teuer

Niedrige Löhne, hohe Produktivität, motivierte Arbeitskräfte: die Türkei gilt als attraktiver Produktionsstandort. Davon haben in den vergangenen Jahren neben einheimischen Unternehmen auch ausländische Investoren profitiert. Doch der Kostenvorteil beginnt zu schwinden.

HB ISTANBUL. „Noch ist die Türkei zwar der beste Produktionsstandort für uns“, sagt Atilla Ilbas, Chief Operating Officer des größten türkischen Hausgeräteherstellers Arcelik, „aber wir sehen uns auf neuen Märkten um“. So erwägt Arcelik eine Produktion in China. Bereits in Rumänien und Russland liegen die Lohnkosten deutlich unter dem türkischen Niveau. Für die Türkei spricht aber einstweilen die deutlich höhere Produktivität: „In Rumänien brauchen wir pro Waschmaschine drei Mannstunden, in der Türkei eine“, rechnet Ilbas vor. „Damit liegen wir in der Produktivität auch vor Polen“.

Der zur größten türkischen Holding Koc gehörende Arcelik-Konzern ist nicht nur Marktführer bei Weißer Ware in der Türkei, sondern exportiert seine „Weltmarke“ Beko in mehr als hundert Länder. 45 Prozent seiner 2,7 Mrd. Euro Umsatz erzielt Arcelik bereits im Ausland.

Bisher produziert das Unternehmen überwiegend in der Türkei. Aber von den zehn Produktionsstätten befinden sich bereits zwei im Ausland, nämlich in Rumänien und Russland.

Aber der Vorsprung wird geringer – vor allem für Unternehmen, bei denen die Löhne einen großen Kostenfaktor darstellen. Das bekommt auch die türkische Textilindustrie zu spüren. Ümit Boyner, Vorstandsmitglied der Boyner Holding, eines der größten türkischen Textilunternehmen: „Bei billiger Massenware können wir mit den asiatischen Herstellern nicht mehr konkurrieren“. Boyner positioniert sich deshalb verstärkt als Qualitätsmarke. So macht es auch Mavi, der größte türkische Jeans-Hersteller: „Wir konzentrieren uns bewusst auf das Premium-Segment“, sagt Präsident Nurettin Kantarelli. Mavi hat eigene Flagship-Stores in New York, Vancouver, Montreal, Berlin und Frankfurt. Das Unternehmen produzierte im vergangenen Jahr elf Millionen Jeans und beliefert 4 600 Läden in 50 Ländern.

Noch ist die türkische Textilindustrie der stärkste Exporteur des Landes, aber die schnell wachsende Automobilbranche ist ihr auf den Fersen. Sie dürfte in diesem Jahr Fahrzeuge und Teile für rund 13 Mrd. Dollar ausführen. Vergangenes Jahr gingen von 823 000 produzierten Autos 510 000 in den Export. Wie der Hausgerätehersteller Arcelik haben auch die türkischen Automobilproduzenten und Zulieferer in den vergangenen Jahren ständig automatisiert und damit die Lohnsteigerungen zum Teil auffangen können. Aber die Konkurrenz schläft nicht. „Zwar liegen in der türkischen Automobilindustrie Löhne und Lohnnebenkosten mit sechs bis sieben Euro weit unter dem deutschen Niveau von 35 Euro“, sagt Marc Landau, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul, „aber in Tschechien liegen die Kosten nur bei vier bis fünf und in Rumänien und Bulgarien bei zwei bis vier Euro“. Dass dennoch kein Massenexodus aus der Türkei in die Billiglohnländer eingesetzt hat, erklärt Landau mit dem Produktivitätsvorsprung und der hohen Motivation der türkischen Arbeitskräfte. Aber auch die Regierung in Ankara weiß, dass die Türkei als Produktionsstandort verstärkt im Wettbewerb mit Osteuropa steht. Zum 1. Januar senkt sie deshalb die Körperschaftssteuer von 30 auf 20 Prozent. „Damit werden wir ausländische Investoren anziehen und unsere Wettbewerbsfähigkeit mit benachbarten Staaten stärken“, hofft Ministerpräsident Tayyip Erdogan.

Branchenprimus Arcelik

1955

Vehbi Koc gründet in Sütlüce bei Istanbul die Arcelik A.S.

1959

Arcelik stellt die erste Waschmaschine her, im Jahr darauf den ersten Kühlschrank.

1991

Arcelik gründet eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung, zwei Jahre später startet die Produktionen von Geschirrspülern in Ankara.

2002

Arcelik übernimmt den deutschen Hausgerätehersteller Blomberg sowie die österreichischen Marken Elektra Bregenz und Tirolia, Leisure und Flavel in Großbritannien und den rumänischen Kühlgerätehersteller Arctic. Arcelik fertigt nun auch in Rumänien.

2004

Arcelik beschließt die Aufnahme der Produktion in Russland.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%