Osteuropäische Märkte
Wo die Krise noch nicht vorüber ist

Deutsche Unternehmen, die in Osteuropa investiert haben, kämpfen immer noch mit starken Umsatzeinbrüchen. Denn die Märkte der osteuropäischen Staaten sind am Boden, und die Anzeichen für eine Trendwende sind bisher vorsichtig.
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Es sollte eine Goldgrube für die nächsten Jahrzehnte werden: Die unterentwickelten Märkte Osteuropas versprachen auf lange Zeit unendliches Wachstum. Deshalb haben die deutschen Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren seit dem Fall des Eisernen Vorhangs kräftig in den osteuropäischen Staaten investiert. Mit Investitionen von etwa 60 Mrd. Euro sind die deutschen Unternehmen die größten Investoren in der Region, schätzt Gabor Hunya vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Doch die Wirtschaftskrise, die Osteuropa auch jetzt noch zu schaffen macht, hat dort die Wachstums- und Ertragschancen für die kommenden Jahre massiv abstürzen lassen. Nach einer Untersuchung der Deloitte-Unternehmensberatung mussten die 500 größten Konzerne in Osteuropa im vergangenen Jahr massive Umsatzeinbrüche hinnehmen: Ein Minus von 21 Prozent ist ein rekordverdächtiger Wert für alle industrialisierten Staaten.

Entsprechend miserabel hat sich im vergangenen Jahr auch die Ertragslage entwickelt. Der Kreditversicherer Coface hat ausgerechnet, dass der Gewinnrückgang bei den 500 größten Unternehmen in Osteuropa sogar 27 Prozent ausmacht (nach Steuern).

Wackelige Erholung

In diesem Jahr gibt es nur vorsichtige Anzeichen für eine Trendwende. Besser läuft es für die Unternehmen in Polen, Tschechien oder der Slowakei. Auf dem Balkan (Kroatien, Bulgarien, Rumänien) sieht es hingegen auch jetzt noch ziemlich düster aus, dort werden die Volkswirtschaften ein zweites Jahr in Folge schrumpfen. Deloitte-Partner Tomasz Ochrymowicz spricht denn auch von einer äußerst „wackligen Erholung“. Heute könne niemand sagen, ob es wirklich die Wende zum Besseren geben werde.

Mehr als die Hälfte der 500 größten Unternehmen aus Osteuropa hat ausländische Eigentümer, allen voran aus dem westlichen Europa. Deutsche Investoren sehen sich den größten Umsatzrückgängen ausgesetzt. Volkswagen und Eon verbuchten nach Deloitte-Angaben im vergangenen Jahr in der Region ein Umsatzminus von 25 Prozent, bei der Metro waren es immerhin noch stolze 22 Prozent. Die Osteu-ropa-Töchter der Deutschen Telekom fielen beim Umsatz im Jahr 2009 um zwölf Prozent zurück, bei RWE sorgte die Ost-Krise für einen Rückgang von gut fünf Prozent.

Die Deutsche Telekom gehört zu den Top-Investoren in ganz Europa. An die zwei Mrd. Euro hat sie schon im Jahr 2000 für den Kauf einer Mehrheitsbeteiligung an der ungarischen Telekom ausgegeben, ein Jahr später wurde der Bonner Konzern Haupteigentümer der kroatischen Telekom (eine Mrd. Euro). Erst vor gut zwei Jahren sicherte sich der deutsche Konzern über die griechischen Telekom-Gruppe OTE und deren Tochtergesellschaften einen Zugang zum südosteuropäischen Markt (knapp drei Mrd. Euro).

Aus Sicht von Vera Sutedja, Telekom-Analystin der Ersten Bank in Wien, sind vor allem die Zukäufe kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise problematisch. Zu dieser Zeit seien viel zu hohe Preise für die neuen Osteuropa-Töchter gezahlt worden, bei niedrigen oder gar schrumpfenden Erträgen lasse sich dieses Geld nicht so schnell wieder hereinholen. „Und die Krise in Osteuropa ist noch nicht vorüber“, warnt die Telekom-Expertin. Ein weiterer wesentlicher Unsicherheitsfaktor seien die Wechselkurse: Osteuropas Währungen haben während der Krise kräftig an Wert verloren und konnten sich bislang nur zum Teil erholen.

Extrem viel Geld haben auch die deutschen Energiekonzerne in Ost-europa investiert. Eon hat sich den Einstieg in den slowakischen Gas-markt beispielsweise an die zwei Mrd. Euro kosten lassen, RWE ist in Tschechien und in Polen mit zusammen knapp vier Mrd. Euro dabei. Für Florian Haslauer, Geschäftsführer von AT.Kearney in Wien, steht unzweideutig fest, dass auch in der Energiebranche in Osteuropa zuviel gezahlt worden ist. Westliche Investoren hätten einfach viel zu große Erwartungen gehabt und auf einen zu schnellen Rückfluss der Investitionen gesetzt. Unternehmen aus Westeuropa hätten beispielsweise nicht an den Einfluss der staatlichen Regulatoren in den osteuropäischen Staaten gedacht. „Die erwarteten Preiserhöhungen konnten deshalb nicht durchgesetzt werden“, betont Haslauer. Die angedachte schnelle Anpassung an die westlichen Energiemärkte habe nicht stattgefunden.

Handelskonzerne wie die Metro werden sich noch etwas länger mit den schlechten Geschäften in Osteuropa abfinden müssen. Wegen der anhaltenden Krise ist die Arbeitslosigkeit noch vor kurzer Zeit in einigen Ländern gestiegen. Das schlägt sofort auf den privaten Konsum durch, der sich frühestens im nächsten Jahr wieder durchgängig beleben sollte.

Schließlich gibt es noch ganz spezielle Faktoren, die einzelne deutsche Investoren gleich zum kompletten Rückzug aus Osteuropa veranlasst haben. So will sich etwa der Essener WAZ-Konzern wieder vom Zeitungsgeschäft auf dem Balkan trennen, weil die Deutschen in Ex-Jugoslawien nicht mit der dort immer noch verwurzelten Korruption und anderen kriminellen Machenschaften zurechtkommen.

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