Petrobras-Präsident José Sérgio Gabrielli: Der Chef beherrscht den Spagat

Petrobras-Präsident José Sérgio Gabrielli
Der Chef beherrscht den Spagat

Seit zwei Jahren leitet José Sérgio Gabrielli Petrobras. Dem Wirtschaftsprofessor gelingt dabei souverän der Spagat zwischen den Interessen des kontrollierenden Staates einerseits und den Investoren andererseits. Dass dies keine leichte Aufgabe ist, zeigt der Fall Henri Philippe Reichstul. Gabriellis Vorgänger legte sich mit der Gewerkschaft an und musste kurz darauf zurücktreten.

HB SÃO PAULO. Vergangene Woche bekam José Sérgio Gabrielli wieder einmal deutlich zu spüren, dass der Job an der Spitze von Petrobras einer der schwierigsten ist, den Brasiliens Wirtschaft zu bieten hat: Gute Miene musste der Wirtschaftsprofessor bei der Pressekonferenz machen, auf der Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva verkündete, dass Brasilien ab sofort rund 100 Mill. Dollar mehr im Jahr für Erdgas aus Bolivien zahlen wird. Zu diesem Kompromiss hatte er sich von Evo Morales, dem anwesenden Präsidenten des armen Nachbarlandes, nach neunstündigen Verhandlungen überreden lassen. „Kochgas wird nicht teurer“, versicherte der anwesende Energieminister treuherzig.

Grimmig blickte der 57-jährige Gabrielli in die Kameras. Denn ihm war klar, wer den Aufpreis erst mal zahlen muss: Petrobras. Der Konzern importiert das Gas aus Bolivien. Unternehmenschef Gabrielli konnte sich schon die Fragen der Journalisten und Analysten der Investmentbanken ausmalen, die ihn ein paar Minuten später zu den Auswirkungen auf die Bilanz befragen würden.

Doch nach zwei Jahren an der Spitze des größten Konzerns Brasiliens gelingt Gabrielli souverän der Spagat zwischen den Interessen des kontrollierenden Staates einerseits und den Investoren andererseits. Nicht ganz einfach ist das: Die Regierung will am liebsten billiges Benzin und Kochgas einerseits und möglichst viele Jobs und Steuereinnahmen aus dem Ölgeschäft andererseits. Die Investoren wollen hohe Gewinne und Ausschüttungen. Gabrielli hilft, dass er sich ab 2003 erst für zwei Jahre als Finanzchef von Petrobras auch um die Beziehungen zu den Finanzinvestoren kümmerte. Denn „Investor Relations“ – das ist etwas ganz Neues im Konzern, der sich erst mit dem Börsengang in den USA im Jahre 2000 zu öffnen begann.

Jahrzehntelang war Petrobras ein Staat im Staate. Ein Petrobras-Präsident war mächtiger als die meisten Minister und verkehrte direkt mit dem Präsidenten. Die Bilanzen waren nicht öffentlich. Was der Konzern förderte und wo, das wurde „aus strategischen Gründen“ geheim gehalten. Ein entsprechendes Eigenleben und großes Selbstbewusstsein besaß der Konzern. Für den Konzernchef bedeutet das seit dem Ende des Ölmonopols vor zehn Jahren einen permanenten Machtkampf mit den mächtigen internen Interessengruppen und mit der Staatsbürokratie.

Am deutlichsten erfuhr das der brasilianische Investmentbanker Henri Philippe Reichstul, der Petrobras von 1999 drei Jahre lang leitete. Er trimmte den Staatskonzern zur modernen Kapitalgesellschaft, holte unabhängige Mitglieder in den Verwaltungsrat und reduzierte die Belegschaft von 55 000 auf 40 000 Mitarbeiter. Als 2001 eine der neuesten Ölplattformen im Meer versank, kündigten die Gewerkschaften inmitten der massiven Krise einen Streik an, um gegen die „neoliberalen Auslagerungen“ zu demonstrieren. Reichstul musste kurze Zeit später zurücktreten.

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