Pharma
Wichtiger Etappensieg für Boehringer

Der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim will noch in diesem Jahr weltweit die Zulassung für einen neuartiges Mittel zur Vorbeugung von Schlaganfällen einreichen, dem Analysten Milliardenumsätze zutrauen.

FRANKFURT. Am Samstag stellte der Konzern auf dem europäischen Kardiologenkongress in Barcelona die Ergebnisse der zulassungsrelevanten Studie mit mehr als 18 000 Patienten vor.Danach ist das Boehringer-Mittel namens Pradaxa zum Schutz vor Schlaganfällen bei Patienten mit Vorhoffflimmern deutlich wirksamer als das aktuelle Standardmedikament Warfarin.

Andreas Barner, Sprecher der Geschäftsführung von Boehringer Ingelheim und lange Zeit verantwortlich für die Forschung und Entwicklung des Konzerns, sprach gegenüber dem Handelsblatt von einem "echten Durchbruch", der dem Konzern gelungen sei. Das neue Medikament könnte die seit über 40 Jahren angewandte Standardbehandlung zur Blutverdünnung ablösen.

Nach Einschätzung von Analysten hat Boehringer Ingelheim mit Pradaxa rund ein Jahr Vorsprung vor dem Bayer-Konzern, der gemeinsam mit Johnson & Johnson an einem ähnlichen Mittel namens Xarelto forscht und die zulassungsrelvante Studie im nächsten Jahr abschließen will. "Die Boehringer-Studie ist besonders bedeutsam, da es bei Vorhof-Flimmern der erste Test ist, den wir in einem Feld sehen werden, das sich schnell mit Wettbewerbern füllt", schrieb die Investmentbank Goldman Sachs im Vorfeld. Auch Pfizer, Bristol-Myers Squibb und Merck & Co forschen in diesem Therapiegebiet.

Interview mit Boehringer-Sprecher Andreas Barner

Der weltweite Markt für Gerinnungshemmer soll nach Einschätzung des Marktforschungsinstituts IMS von zuletzt sieben Mrd. Dollar auf 15 Mrd. Dollar im Jahr 2015 wachsen. Für Boehringer Ingelheim ist Pradaxa zurzeit der wichtigste Hoffnungsträger, mit dem das Unternehmen ab 2011 wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren will. Im nächsten Jahr erwartet Firmenchef Barner wegen auslaufender Patente kein Umsatzwachstum. Aus Kostengründen streicht das Unternehmen deshalb bereits den Außendienst auf dem weltgrößten Pharmamarkt USA von 3 000 auf 2 200 Mitarbeiter zusammen.

Der zeitliche Vorsprung beim Markteintritt ist nicht nur bedeutsam, weil das Unternehmen einige Zeit Pioniergewinne einstreichen kann. Ist die Therapie wirksam, stellen Ärzte ihre Patienten auch ungern auf ein anderes Präparat um, was Boehringer in die Hände spielen würde. Spekulationen über den Ausgang der Boehringer-Studie hatten bereits am Donnerstag den Aktienkurs von Konkurrent Bayer unter Druck gebracht. Allerdings gibt es auch Meinungen wie die von Analyst Ulrich Huwald von M.M.Warburg, der positive Studiendaten von Pradaxa auch für einen möglichen Kurstreiber der Bayer-Aktie halten, wenn es positive Nachrichten zu den Nebenwirkungen dieser neuen Medikamentengruppe gebe.

Vorhoffflimmern ist eine Art von Herz-Rhythmus-Störung, die bei bis zu zehn Prozent der Patienten zum Schlaganfall führen kann. Etwa ein Prozent der Menschheit hat Vorhofflimmern, ab dem Alter von 80 Jahren sind es bis zu zehn Prozent. Obwohl die Standardtherapie (Marcumar etc.) gegen Vorhofflimmern schwer zu handhaben ist und der ständigen Kontrolle bedarf, weil bereits kleinste Überdosierungen zu schweren Blutungen führen können, gibt es bislang keine Alternative. Einige Medikamente seien erforscht worden, aber keines zufriedenstellend gewesen, so Stuart Connolly, Professor für Cardiology an der McMaster Universität in Canada, der an der Boehringer-Studie mit beteiligt war. Zuletzt hatte im Februar 2006 Astra Zeneca seinen neuartigen Blutverdünner nach Leberschäden bei den Patienten vom Markt nehmen müssen - eineinhalb Jahre nach der Zulassung.

Die 2006 gestartete Rely-Studie von Boehringer Ingelheim zeigt, dass sich bei Einnahme von Pradaxa das Risiko für Schlaganfälle um bis zu 34 Prozent veringert, ohne die Gefahr von Blutungen zu erhöhen. Erhöhte Leberwerte sind laut Boehringer-Chef Barner kein Thema.

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