Die Pharmaindustrie hat im vergangenen Jahr Rekordgewinne erwirtschaftet. Die generelle Ertragskraft der Unternehmen wird durch Patentabläufe, Generikakonkurrenz und politischen Gegenwind bisher kaum gebremst. Allerdings belasten Übernahmen die Kapitalrenditen.
Das Grippemittel Tamiflu hat den Schweizer Roche-Konzern zu Marktanteilsgewinnen verholfen. Foto: dpa
FRANKFURT. Die 20 führenden Unternehmen der Pharmaindustrie haben im vergangenen Jahr ihren addierten Betriebsgewinn nach Berechnungen des Handelsblatts um zehn Prozent auf rund 124 Mrd. Dollar gesteigert. Die Umsätze legten um knapp acht Prozent zu.
Schwächen bei einzelnen Akteuren wurden damit von kräftigen Ertragssteigerungen bei der Mehrzahl der Firmen überkompensiert. Entgegen mancher Skepsis wird die generelle Ertragskraft der Branche durch Patentabläufe, Generikakonkurrenz und politischen Gegenwind bisher offenbar nur wenig gebremst.
Die insgesamt positive Entwicklung dürfte sich 2007 nach Einschätzungen von Branchenbeobachtern fortsetzen. Die Rating-Agentur Moody’s etwa geht von weiteren Umsatzsteigerungen bei stabilen Margen aus. Standard & Poor’s verweist auf verbesserte Fundamentaldaten und geringere Risiken für die Branche, wobei man europäische Konzerne weiterhin in stärkerer Verfassung sieht als ihre US-Konkurrenten.
Der Weltmarkt für Arzneimittel legte 2006 nach Daten des Marktforschungsunternehmens IMS Health währungsbereinigt um sieben Prozent auf 643 Mrd. Dollar zu. Die in die HB-Berechnungen einbezogenen Unternehmen bestreiten davon rund 60 Prozent und haben ihren Anteil seit dem Jahr 2000 um etwa vier Prozentpunkte ausgebaut – vor allem durch Übernahmen.
Das belastet allerdings die Kapitalrenditen. Denn zur Finanzierung von Übernahmen müssen vielfach neue Aktien ausgegeben oder größere Anteile der Gewinne thesauriert werden. Der Eigenkapitaleinsatz ist daher fast durchweg stärker gewachsen als die Gewinne. Bei den führenden zehn Unternehmen hat er sich seit dem Jahr 2000 fast verdreifacht.
Zudem leisten die Merger-Strategien offenbar wenig für Innovationskraft und interne Dynamik. Branchenführer Pfizer zum Beispiel steigerte durch den Kauf von Pharmacia seinen globalen Marktanteil 2003 auf mehr als acht Prozent, hat seither aber wieder fast eineinhalb Prozentpunkte verloren. Angesichts weiterer Patentabläufe und einem Mangel an Neuentwicklungen dürfte er in den nächsten Jahren weiter zurückfallen.
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Den absolut größten Sprung nach vorne – von 1,5 auf rund 5,5 Prozent Marktanteil – machte seit Beginn des Jahrzehnts Sanofi, vor allem durch die Übernahme von Aventis. Doch wächst auch der französische Konzern inzwischen langsamer als der Markt. In der Führungsgruppe konnte in den letzten Jahren praktisch nur der Roche-Konzern signifikante Marktanteile durch organisches Wachstum hinzugewinnen.
Unter den Vertretern der zweiten Reihe gelang dies vor allem Amgen und Boehringer. Andere Unternehmen dieser Gruppe, darunter Bayer, Schering-Plough und die japanischen Hersteller, verloren zunächst massiv Marktanteile, ehe sie in den vergangenen beiden Jahren mit Übernahmen und Fusionen eine Aufholjagd starteten. Bezieht man die jüngsten Akquisitionen wie Bayer/Schering, Merck/Serono oder Schering-Plough/Organon bereits in die Umsätze mit ein, verbesserten die Vertreter der zweiten Liga ihre Marktanteile 2006 um etwa drei Prozentpunkte.
Insgesamt sind die Betriebs- und die Nettogewinne der Unternehmen seit Beginn des Jahrzehnts um mehr als zwei Drittel gestiegen. Dabei haben die Top 10 der Branche ihre Führungsrolle in punkto Ertrags- und Finanzkraft noch ausgebaut. Ihre operativen Gewinne legten im Schnitt deutlich stärker zu als bei Unternehmen der zweiten Reihe. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den freien Cashflows, also den Mitteln, die den Unternehmen nach Abzug der notwendigen Sachinvestitionen verbleiben. Sie verdoppelten sich bei den Großunternehmen in der Summe auf rund 68 Mrd. Dollar im Jahr 2006.
Die Daten sprechen dafür, dass die großen Pharmakonzerne auch in Phasen schwächerer Wachstumsraten noch über Spielraum zur Ertragssteigerung verfügen, sei es in Verbindung mit Fusionen oder durch Effizienzprogramme. So hat die Branche seit dem Jahr 2000 ihren Verwaltungs- und Vertriebsaufwand um drei Prozentpunkte auf rund 31 Prozent vom Umsatz heruntergefahren. Zwar zehrten steigende Forschungsausgaben den Löwenanteil auf. Etwa ein Drittel der Effizienzgewinne kam jedoch den operativen Renditen zu Gute, die im Schnitt um etwa einen Prozentpunkt auf knapp 26 Prozent zulegten. Deutliche Margenverbesserungen verbuchten vor allem Roche, Takeda, Boehringer und die britischen Konzerne Glaxo-Smithkline und Astra-Zeneca.
Die Möglichkeiten zur Rendite-Steigerung erscheinen noch keineswegs ausgereizt. Darauf deuten zum einen die jüngsten Sparprogramme bei Pfizer, Astra-Zeneca und Bayer hin, wo jeweils mehrere Tausend Stellen abgebaut werden, aber auch die zum Teil erheblichen Unterschiede in den Kostenstrukturen. So bewegen sich die Produktionskosten zwischen elf Prozent vom Umsatz bei Merck & Co und mehr als 25 Prozent bei Sanofi-Aventis.

