
FRANKURT. So schnell geht die Welt im Pharmageschäft nicht unter. Branchenführer Pfizer überraschte gestern mit unerwartet hohen Umsätzen und Erträgen im zweiten Quartal. Der US-Konzern hat zugleich seine bisherigen Prognosen für 2010 und die kommenden beiden Jahre bekräftigt und damit einige Zweifler unter den Investoren beruhigt, die offenbar eine Revision der bisherigen Prognosen fürchteten.
Die Geschäftszahlen von Pfizer werden dabei erheblich durch die im vergangenen Oktober vollzogene, 68 Mrd. Dollar teure Übernahme des US-Konkurrenten Wyeth überzeichnet. Mit diesem Deal erwarb der Konzern fast 23 Mrd. Dollar Jahresumsatz, um Patentabläufe im eigenen Sortiment abzufedern und neue Möglichkeiten zur Kostensenkung zu erschließen. Dieses Vorhaben läuft bisher offenbar voll nach Plan.
Bedingt vor allem durch die erstmalige Konsolidierung von Wyeth erhöhte sich der Umsatz von Pfizer im zweiten Quartal um 58 Prozent auf 17,3 Mrd. Dollar. Der Nettogewinn legte um neun Prozent auf rund 2,5 Mrd. Dollar zu. Klammert man diverse Kosten und Abschreibungen im Zusammenhang mit der Fusion aus, errechnet sich laut Pfizer ein adjustierter Gewinn von fast fünf Mrd. Dollar, ein Plus von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr und etwa ein Fünftel mehr als die Bankanalysten von dem Konzern erwarteten. Die Pfizer-Aktie legte daher im frühen New Yorker Handel um mehr als vier Prozent zu. Hinter der Expansion verbirgt sich operativ allerdings ein eher träger Geschäftsverlauf. Das angestammte Geschäft von Pfizer legte im zweiten Quartal um rund drei Prozent zu, die Erlöse von Wyeth dürften leicht gesunken sein.
Pfizer bestätigt insofern einen generellen Trend in der Branche. Während viele Hersteller in den ersten drei Monaten noch kräftig zulegten, hat sich die Dynamik im zweiten Quartal stark verlangsamt. Mit Ausnahme von Novartis und dem US-Konzern Eli Lilly verbuchten fast alle großen Pharmahersteller zuletzt stagnierende oder leicht schrumpfende Erlöse – bedingt vor allem durch Patentabläufe und wachsende Konkurrenz durch Nachahmer-Medikamente (Generika).
Die Perspektiven für die nächsten Jahre werden eher schwieriger. Denn die Pharma-Portfolios „ergrauen“, wie es etwa Experten des Beratungsunternehmens Accenture in einer Studie beschreiben. Sie schätzen, dass schon 2011 etwa 40 Prozent der Pharmabestseller zu den reifen Produkten gehören, die nach und nach ihren Patentschutz verlieren.
Von diesem Prozess ist Branchenführer Pfizer besonders stark betroffen. Immerhin werden bis 2012 fünf der zehn Topprodukte des Konzerns ihren Patentschutz verlieren, darunter das Potenzmittel Viagra und der Cholesterinsenker Lipitor, der mit einem Jahresumsatz von zuletzt mehr als elf Mrd. Dollar fast ein Fünftel zum gesamten Arzneimittelumsatz beisteuert.
Gemessen daran erscheinen die Prognosen des Managements ausgesprochen ehrgeizig. Für das laufende Jahr stellt Pfizer einen Umsatz von etwa 67 bis 69 Mrd. Dollar, einen bereinigten Nettogewinn von mehr als 16 Mrd. Dollar und einen effektiven Gewinn (nach Sonderaufwand) von etwa acht Mrd. Dollar in Aussicht.
Bis 2012 hofft man trotz der anstehenden Patentabläufe sowohl den Umsatz als auch die operative Ertragskraft nahezu zu halten, unter anderem dank einer Kostenreduktion um vier bis fünf Mrd. Dollar. Die bereinigte operative Rendite soll dann Werte von um die 40 Prozent erreichen, gegenüber 42 Prozent im ersten Halbjahr 2010.