Pharmakonzern will im Vioxx-Skandal jeden einzelnen Prozess durchfechten
Merck macht keine Zugeständnisse

Gestern begannen die Eröffnungsplädoyers im ersten Schadenersatzprozess um das Schmerzmittel Vioxx. Vor einer Jury im texanischen Angleton verteidigt der Pharmariese Merck sich gegen den Vorwurf, sein Medikament habe den Tod des Marathonläufers und Fitnesstrainers Robert Ernst verursacht.

tmo NEW YORK. Der Fall ist der erste unter tausenden von Herzinfarkten und Todesfällen, bei denen Vioxx angeblich eine Rolle spielte. Ehemalige Patienten und deren Angehörige haben in den USA laut Merck rund bereits 4 000 Klagen eingereicht. Damit könnte Vioxx zum größten Schadenersatzfall seit den großen Tabak-Prozessen der 90er Jahre werden. Analysten schätzen das Zahlungsrisiko für Merck auf vier Mrd. Dollar bis zu einem Vielfachen davon.

Merck will nach eigenen Angaben jeden einzelnen Prozess um Vioxx durchfechten statt sich mit Klägern zu vergleichen, wie in den USA oft üblich. "Mit dieser Strategie erhöht Merck den Aufwand für Klägeranwälte", sagte ein New Yorker Anwalt gestern dem Handelsblatt. Statt eines schnellen Vergleichs müsse jeder Klagevertreter einen langwierigen Prozess mit ungewissem Ausgang einkalkulieren. Das werde die Zahl der Verfahren tendenziell senken.

Klägeranwalt Mark Lanier sagte gestern, Merck habe "ein Medikament herausgebracht, von dem sie wussten, dass es Menschen töten wird". Der ehrenamtliche Prediger gilt als einer der besten Klägeranwälte der USA und vertritt Carol Ernst, die Witwe des 2001 verstorbenen Robert Ernst. Dagegen sagte Anwalt Theodore Mayer von der Kanzlei Hubbard & Reed, der Mercks Verteidigung koordiniert, bereits vor Prozessbeginn: "Wir glauben fest daran, dass das Unternehmen sich verantwortungsvoll verhalten hat und dies überzeugend darlegen kann."

Der Pharmahersteller aus Whitehouse Station im US-Bundesstaat New Jersey nahm sein kommerziell äußerst erfolgreiches Schmerzmittel Ende September 2004 vom Markt. Auslöser waren medizinische Tests, die eine erhöhte Herzinfarktgefahr für Vioxx-Konsumenten nachwiesen. Verbraucherschützer und Klägeranwälte werfen Merck vor, der Konzern habe frühere Hinweise auf die Gefährlichkeit von Vioxx ignoriert und verschwiegen. Vioxx diente gegen arthritische und akute Schmerzen. Rund 20 Mill. Patienten nahmen das 1999 auf den Markt gebrachte Medikament ein.

Der Vioxx-Fall erinnert an den Rückruf eines Cholesterin-Medikaments, das die Leverkusener Bayer AG 2001 vom Markt nahm. Die unter den Markennamen Baycol und Lipobay vertriebene Medizin löste in einigen Fällen Muskelschwäche aus. Bei Merck wie damals bei Bayer können Klägeranwälte aus internen E-Mails zitieren, wonach Mitarbeiter offenbar an der Sicherheit der Medikamente zweifelten. Dennoch gewann Bayer 2003 einen Schadenersatzprozess gegen einen damals 82jährigen Baycol-Patienten in Texas.

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