Porsche
Abschiedszenen in Zuffenhausen

So eine Betriebsversammlung gibt es wirklich nicht alle Tage: 5000 Mitarbeiter feierten ihren scheidenden Chef Wendelin Wiedeking. Der Westfale ist nun wahrlich kein Mann, der Tränen fließen lässt. Aber den dicken Kloß, den er im Hals hatte, sah jeder Zuschauer. Ähnliches gilt für Wolfgang Porsche. Die Reportage eines denkwürdigen Ereignisses.

STUTTGART. Es regnet in Strömen. Es ist kurz vor 13Uhr und noch immer zieht unablässig eine Schlange bunter Regenschirme an den Wachmännern am Haupteingang an der Porschestraße 1 vorbei. Vor der provisorischen Wellblechbühne auf dem großen Platz zwischen Neuwagenauslieferung und der Verwaltung ist kein Flecken frei. Wer keinen eigenen Schirm hat, kommt bei Kollegen unter: Man rückt zusammen an diesem Donnerstagmittag in Stuttgart-Zuffenhausen.

Die Nachricht hat eingeschlagen wie eine Bombe, obwohl sie alle geahnt hatten: Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking geht. Mit sofortiger Wirkung und 50 Mio. Euro Abfindung. Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück betritt die Bühne. Er macht sofort klar, was er von dem hält, was da vorgefallen ist. "So geht man nicht mit einem Menschen um", brüllt er in das Mikrofon, spricht von "Hinrichtung" und fehlendem Anstand, geißelt die Medien.

Er beschwört die alten Zeiten, was dieser Wiedeking, dem er bis zuletzt die Treue gehalten hat, alles geleistet hat, redet sich mit sich überschlagender Stimme in Rage für den Mann, der "bis zum Schluss" für Porsche und die Mitarbeiter gekämpft habe, bevor Hück das sagt, was hier alle hören wollen: "Eure Arbeitsplätze sind sicher!" Porsche bleibt Porsche, bleibt AG, bleibt selbstständig. Die Familien Porsche und Piëch haben das versprochen, es gibt fünf Mrd. Euro frisches Geld. "Das haben wir schriftlich", sagt er - ein Satz, den er mehr als einmal sagen wird, so als ob er sich daran festklammern kann.

Aber es wird sich auch einiges ändern, bereitet er die "Kolleginnen und Kollegen" vor: Es wird einen neuen Investor geben, und Porsche wird mit VW zusammengehen. Aber das ist alle Mal besser als diese elende Schlammschlacht, die alle Kräfte aufgezehrt hat. "Danke", sagt er in Richtung von Wolfgang Porsche.

Wolfgang Porsche wirkt angeschlagen und müde als er an das Rednerpult tritt. Der Familienpatriarch richtet bedächtig, beinahe verlegen, die beiden Mikrofone aus und beginnt mit leisen Worten zu sprechen. Kein böses Wort über Wiedeking oder über die schlimme Zeit, die hinter allen liegt, die schlimmste, die das Unternehmen je durchmachen musste. Im Gegenteil. „Wendelin Wiedeking“, hebt er an, doch dann versagt dem Enkel von Firmengründer Ferdinand Porsche die Stimme. Er ringt sichtlich um Fassung, bevor er den Tränen nahe fortfährt, „hat uns aus der tiefsten Not in Höhen geführt, die wir uns nicht vorstellen konnten.“ Ein einsetzendes Konzert aus Tröten und Hupen, Applaus und lauten Rufen, gibt Porsche Zeit, sich wieder zu sammeln. Jetzt geht es weiter, macht er klar. Stellvertretend verliest er die Absichtserklärung, die die Familien unterschrieben haben. Tenor: Wir halten zusammen. Wir schauen nach vorne. Macht ihr das auch. Und wieder wird die Stimme schwach, übermannen ihn die Emotionen, fehlen ihm die Worte, bis er hervorstößt. „Der Mythos Porsche lebt, und er wird nie untergehen.“ Aus den dunklen Wolken grollen erste leiste Donnerschläge herüber.

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