
STUTTGART/FRANKFURT/GENF. Wendelin Wiedeking liebt das Vage, das Geheimnisvolle. Fragt man ihn nach seinem Gehalt, sagt er, dass dies nur ihn, seine Frau und das Finanzamt interessieren müsse. Und wann will Porsche den Anteil an Volkswagen endlich aufstocken? Gemach. Wiedeking sitzt im ersten Stock des Messestandes auf der Automesse in Genf, lehnt sich auf dem Stuhl zurück und hebt die Hände: „Wir waren nie getrieben von irgendwelchen Terminvorgaben, die wir einhalten mussten.“ Das Ziel, die 75 Prozent an VW, das bleibe. Denn merke: „Wer sein Ziel aufgibt, hat verloren“, sagt Wiedeking. „So einfach ist das.“
Alles schien also wie immer, Ende März auf der Automesse in Genf. Mit der Übernahme von VW glückte Porsche 2008 einer der größten Wirtschaftscoups des Jahrzehnts. Wer so was einfädelt, darf ruhig einmal öfter schweigen als andere.
Doch mit der mal verschmitzten, mal coolen, mal überheblichen Verschwiegenheit könnte es bei Porsche bald vorbei sein. Da ist die üble Autoabsatzkrise, da ist der unfertige VW-Deal – und da ist der Ruf von Wiedeking & Co., immer noch ein paar Karten im Ärmel versteckt zu halten. Porsche braucht frisches Vertrauen, und die Währung dafür ist mehr Offenheit.
Seit jeher gilt der Sportwagenhersteller als einer der undurchsichtigsten Konzerne Deutschlands – und dies aus voller Überzeugung. Quartalsberichte? Fehlanzeige. Details zu den Optionsgeschäften auf VW-Aktien und die genaue Höhe der Finanzwetten? Pustekuchen. Die Namen der Banken, bei denen Porsche die Optionen eingegangen ist? Geheim. Blackbox Zuffenhausen.
Auch die Machtübernahme bei Volkswagen, Europas größtem Autohersteller, hat an der Schweigestrategie im Porsche-Hauptquartier bei Stuttgart nichts geändert. Wiedeking pflegt weiter das David-Image und lässt nur das Nötigste heraus – ganz so, wie es seinen Gesellschaftern, den Familien Porsche und Piëch, wohl gefällt.
Sogar vor Ratingagenturen war Porsche bisher gefeit. Selbst Milliardenkredite holte sich Wiedeking ohne Bonitätsprüfung – für 99 Prozent aller deutschen Konzerne ist das undenkbar. Doch ab Mai gibt es ein wenig Glasnost in Zuffenhausen, wenn zwei Ratingagenturen erstmals ihre Nasen in Wiedekings Bücher stecken. Der Porsche-Chef kann nicht anders, wenn er bessere Konditionen für die Milliardenkredite will, mit denen er den VW-Deal absichern will. Dennoch lässt die Aussicht auf den Besuch der Zahlenjongleure Porsche-Manager erschaudern. „Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen“, sagt Finanzchef Holger Härter in kleiner Runde und schüttelt sanft das Haupt.
Es kommt einem Kulturbruch nahe. In der backsteingemauerten Vorstandsetage im ersten Stock des Porsche-Verwaltungsbaus in Stuttgart ist man am liebsten unter sich. „Anders ist besser“, lautet das (weiland auch in Buchform gegossene) trotzige Motto Wiedekings. Schweigen ist noch besser. Der Ruch aus Geheimnistuerei und Clanwirtschaft kratzte die Bauer von 911, Cayenne und Boxster nicht.
Doch seit VW zum Porsche-Reich gehört, haben die Kritiker ihre Samthandschuhe abgelegt.
Hauptversammlung in der Porsche-Arena zu Bad Cannstatt Ende Januar, die große Wendelin-Wiedeking-Show. Die Aktionäre applaudieren sogar, als der Porschechef sein Gehalt von 80 Millionen Euro verteidigt – damit dürfte er mehr verdienen als zwei Dutzend deutscher Bankenchefs zusammen. Wiedeking soricht von Vertrauen, das sei das einzige Gut, das sich vermehre, wenn man es gebraucht. So, so.
Aber die Geschäftspraktiken des Übermanagers mehren Vertrauen kaum. Fondsgesellschaften wie die DWS machten Front gegen den Porsche-Vorstand, weil der mit seinen Optionen auf die VW-Aktie 2008 Spekulanten in eine Falle lockte. Porsche handele intransparent, dem Konzern mangele es an „Rücksichtnahme für den Finanzplatz Deutschland“, poltert Hans Christoph Hirth. Der Vermögensverwalter des britischen Fonds Hermes bemängelt auch, einmal mehr, die Doppelrolle von Ferdinand Piëch als Miteigentümer von Porsche und Aufsichtsratschef von VW. Mehrere Hedge-Fonds, die Milliarden verloren, planen sogar Klagen gegen Porsche.
Wendelin Wiedeking lässt, klar, jegliches Fehlverhalten bestreiten: „Wir haben uns immer vergewissert, dass wir alle rechtlichen Vorschriften einhalten“, heißt es in Zuffenhausen. Tatsächlich hat jüngst die Finanzaufsicht BaFin Porsche vom Vorwurf der Manipulation freigesprochen. Basta.
Doch das ist die Kehrseite des verschlossenen Systems Porsche: Wer sich so abschottet, lädt zu Mythenbildung ein. Wiedeking hat die Hüllen nicht erst angelegt, Diskretion ist seit jeher das Markenzeichen des stillen Familienclans Porsche/Piëch. Beispiel: Als Ferdinand Piëch als Oberaufseher bei VW im September eine Abstimmung schwänzte und so den Arbeitnehmern zu einem Erfolg verhalf, regelten die Familie die Sache flugs im Stillen. Süditalienische Familienclans wären stolz auf solche Verschwiegenheit.
Die wurde stets verbissen verteidigt, wenn es sein musste. Im deutschen Börsen-Leitindex Dax ist Porsche bis heute nicht enthalten, weil Wiedeking Quartalsberichte ablehnt. Jahrelang lieferte sich Porsche mit der Deutschen Börse ein juristisches Hickhack darüber, ob Porsche deshalb im Prime Standard notiert sein darf oder nicht. Vergangenes Jahr einigte man sich außergerichtlich – ohne wirkliche Entscheidung in der Sache. Basta.
Für viele Analysten ist Porsche durch solche Manöver bis heute ein schwer kalkulierbares Unternehmen. Wie groß die Unsicherheit ist, zeigt ein kurzer Blick auf ihre aktuellen Reports: Die Schätzungen für den Wert der Porsche-Aktie reichen von sieben Euro bis 140 Euro. Nichts Genaues weiß man eben nicht. Auch bei den cleveren Finanzgeschäften rund um VW: „Keiner weiß wirklich, wie die Optionsgeschäfte bei Porsche gestrickt sind, außer Härter, Wiedeking und Piëch selbst“, beklagt der Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB.
Ja, ja, mag sich Wendelin Wiedeking denken. Durch die Tür des Besprechungsraums am Messestand in Genf klingt das Klappern der Teller von Burkhard Schork vom Bietigheimer Hotel „Friedrich von Schiller“. Der hat, wie jedes Jahr, die Bewirtung der Porsche-Gäste übernommen. Das „Schiller“ ist so das zweite Wohnzimmer für den Spitzenmanager von Porsche. Draußen stehen auf dem in stahlgrau gehaltenen Messestand aufgereiht wie die Zinnsoldaten der neue Sportwagen 911 GT3 in jungfräulichem Weiß mit Heckspoiler und der neue Cayenne-Geländewagen mit Dieselmotor in Blaumetallic.
So schöne Autos sind teuer, und teure Autos gehen derzeit gar nicht gut. Der Umsatz von Porsche sank in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres um zwölf Prozent auf drei Milliarden Euro, der Absatz brach um 27 Prozent auf 34266 Fahrzeuge ein.
Wiedeking weiß, dass sich auch Porsche der Krise nicht entziehen kann. „Auch wir kochen nur mit Wasser“, sagt er, „und der Siedepunkt ist der gleiche wie bei unseren Wettbewerbern.“ Aber den Börsenwert seines Konzerns findet er dennoch unpassend. „Der reale Börsenwert von Porsche hat mit dem inneren Wert des Unternehmens meiner Meinung derzeit relativ wenig zu tun“, sagt Wiedeking in Genf. „Ich glaube, da wird auch eine Menge Unsinn erzählt.“
Er selbst könnte nun ein paar sinnvolle Wahrheiten sagen, etwa über die Details seiner Finanzgeschäfte. Aber das lässt er. Wasser ja, aber lieber trübes Wasser.
Bis heute wissen die Investoren über die milliardenschweren Optionsgeschäfte rund um VW nichts Genaues. Das nervt viele. Adam Jonas, Analyst bei Morgan Stanley, bestrafte jüngst das Porsche-Papier. Sein Rat: untergewichten – also raus aus dem Depot damit. Die hohe Verschuldung, der hohe Fixkostenanteil sowie die politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten seien für Porsche zu riskant (siehe: Der VW-Deal).
Schon beim Einstieg bei Volkswagen war Wiedeking ganz tief geduckt herangerobbt. Bis Porsche, der Kleine, plötzlich 30 Prozent am Giganten VW hielt. Das fällige Pflichtangebot an die anderen Aktionäre setzte der Porsche-Chef dann so niedrig an, dass nahezu keiner verkaufen wollte. Und Wiedeking kaufte eh lieber im Geheimen zu, nach eigenem Gusto. Damit musste er erst bei Überschreiten der 50-Prozent-Hürde die Beteiligung melden. Das geschah dann Anfang Januar. Erst wenn Porsche die 75 Prozent erreicht, wäre die nächste Meldung fällig. So lange tappen die anderen Marktteilnehmer im Dunkeln.
Also darf weiter fleißig spekuliert werden. Finanzchef Holger Härter hat im Januar gesagt, er könne mit VW-Kursen unter 250 Euro durchaus leben. So gesehen dürfte er schon wieder zugekauft haben. Seit März oszilliert der VW-Kurs um die 250 Euro.
Wiedeking und Härter halten ihren Kritikern entgegen, dass sie bisher doch goldrichtig gelegen haben. Die Geschäfte mit VW-Aktien brachten Porsche im ersten Halbjahr 6,84 Milliarden Euro ein – die Härter gleich in neue Call- und Put-Optionen investierte. Nur wenn diese Spekulationen aufgehen, wird auch am Jahresende wieder ein astronomischer Gewinn stehen.
Wie schnell aus Unsicherheiten unangenehme Tatsachen werden können, musste Wiedeking gestern erleben. Da ließ die EU-Kommission durchblicken, ihre Prüfung des VW-Gesetzes könne noch bis 2010 dauern. Für Wiedeking ist die Sonderstellung des Landes Niedersachsen, die das Gesetz garantiert, ein großes Ärgernis. Weil es seinen Durchmarsch in Wolfsburg bremst. Und weil es seine Finanzgeschäfte belastet.
Solange das Gesetz halb tot und halb lebendig ist, muss Porsche seine Optionen auf VW-Aktien immer weiter verlängern – was teuer werden könnte. Oder sie eben gegen Bargeld tauschen – aber das 75-Prozent-Ziel würde dann in die Ferne rücken.
Zudem sind da die Schulden. Um die Übernahme von VW zu finanzieren, hat Porsche kürzlich einen Kredit über zehn Milliarden Euro erneuert – zu höheren Zinsen als zuvor. In den nächsten Wochen soll der Kreditrahmen auf 12,5 Milliarden Euro aufgestockt werden. Ist das nicht besorgniserregend? „Unsere Beteiligung an VW ist derzeit 37 Milliarden Euro wert, was die Erhöhung der Nettoverschuldung durchaus rechtfertigt“, heißt es bei Porsche.
Wie dem auch sei: Porsche ist zu einer Wette auf VW geworden. Der Sportwagenbauer hat das Ergebnis vor Steuern von August bis Januar auf 7,34 Milliarden Euro vervierfacht – doppelt so viel Gewinn wie Umsatz. Mit dem Bau noch so teurer Autos geht das nicht. Man könnte Porsche auch die erfolgreichste Bank des Landes nennen.
Will Wiedeking vom Image, eher eine Investmentbank als einen Autokonzern anzuführen, weg, braucht er eine neue Wachstumsstory. Die soll am Sonntag in Schanghai starten, wenn er die neue viersitzige Geschäftslimousine „Panamera“ offiziell vorstellt – und so Mercedes und BMW frontal attackiert. Mit VW im Rücken ist das Drohpotenzial des einstigen Auto-Davids gegen die beiden Goliaths ein ganz anderes. Teure Entwicklungen wie etwa sparsamere Motoren können im Konzern Porsche/VW, zu dem auch Audi gehört, in doppelt so viele Fahrzeuge eingebaut werden wie bei Mercedes oder BMW.
„Porsche Panamera: eine Botschaft an die Welt“ – so selbstbewusst lässt Wiedeking denn auch werben für sein neues Baby.
Dennoch: Irgendwie scheint dem Sportwagenhersteller das Versteckspiel in den Genen zu liegen. Selbst aus der Präsentation des Panamera machte Porsche eine Schnitzeljagd. Immer wieder gaben die Zuffenhausener einzelne Details, Skizzen oder Daten zum neuen Auto bekannt, im November gab es dann die ersten Fotos – aber nur angeschnittene, geheimnistuerische. Erst jetzt, wenn am Wochenende die Automesse in Schanghai startet, feiert Wiedeking die Weltpremiere des Autos.
Der Ort der Präsentation zeigt, wo sich Wiedeking längst wähnt. Im 94. Stockwerk des Shanghai World Financial Centers, auf 400 Meter Höhe, wird der Porsche-Chef den neuen Wagen präsentieren. Schon als der 492 Meter hohe Wolkenkratzer noch gebaut wurde, inspizierten Porsche-Manager das Gebäude als Geburtsort für den Panamera – klammheimlich, versteht sich.
Mitarbeit: Susanne Metzger und Markus Hennes, Düsseldorf; Ruth Berschens, Brüssel
Der VW-Deal und die Porsche-Finanzen
Der Preis
Die Porsche Automobil Holding SE hält seit Anfang dieses Jahres 50,8 Prozent an VW. Für den bis Herbst 2008 erworbenen Anteil von 42,6 Prozent zahlte Porsche nach eigenen Angaben durchschnittlich 117 Euro je VW-Aktie. Die restlichen 8,2 Prozent habe Porsche zu etwa 350 Euro erworben, heißt es. Das Gesamtpaket dürfte damit zu einem Stückpreis von etwa 155 Euro oder insgesamt 23,2 Milliarden Euro in den Büchern stehen. Bisher ist das ein guter Deal: Derzeit liegt der Börsenwert der 149,8 Millionen VW-Stammaktien im Besitz von Porsche bei etwa 35 Milliarden Euro.
Das Ziel
Porsche erklärt bisher, man halte am Ziel einer Dreiviertelmehrheit am drittgrößten Autohersteller der Welt fest. Das wünscht auch VW-Aufsichtsratschef und Porsche-Miteigentümer Ferdinand Piëch (Foto). Analysten gehen aber nicht davon aus, dass Porsche seine VW-Beteiligung bald aufstockt. Denn die Kursrückschläge, die dann drohen, könnten Porsche zu hohen Abschreibungen auf den eigenen VW-Anteil zwingen. Zudem hätte Porsche mit einer 75-Prozent-Beteiligung nicht mehr Rechte als mit 50,8 Prozent.
Das Hindernis
Zweitgrößter VW-Aktionär ist Niedersachsen. Mit 20 Prozent verfügt das Land damit wegen des VW-Gesetzes bereits über eine Sperrminorität – und nicht wie üblich erst mit 25,01 Prozent. Porsche könnte daher auch bei einer 75-Prozent-Mehrheit keinen Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrag mit VW schließen. Porsche muss abwarten, wie der juristische Streit um das VW-Gesetz endet.
Das Risiko
Die Spekulationen von Porsche mit VW-Aktien sind riskant. Bisher agierte Porsche jedoch geschickt. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2008/09 verdienten die Schwaben mit dem Verkauf von Kaufoptionen 6,8 Milliarden Euro. Porsche dürfte noch sogenannte cash gesettelte Optionen zum Erwerb von weiteren 22 Prozent an VW besitzen, vermuten Finanzkreise. Bei ihrer Ausübung erhält Porsche statt VW-Aktien nur die Differenz zwischen dem aktuellen Kurs und dem Basispreis. Das schützt Porsche vor einem neuerlichen Kursanstieg der VW-Aktie. Nur ein scharfer Kurseinbruch könnte Porsche Verluste bescheren; die bereits für die Optionen gezahlte Prämie wäre dann verloren. Hinzu kommt: Eine Verlängerung der zeitlich befristeten Optionsrechte wird teuer. Da aber der VW-Kurs vermutlich nicht dauerhaft über dem aktuellen Niveau von 242 Euro liegen wird, könnte Porsche nun Optionen in Bargeld umwandeln, um später weitere Anteile zu einem günstigeren Börsenkurs als heute zu erwerben. Analysten sehen den fairen Wert der VW-Aktie bei etwa 70 bis 80 Euro.
Die Finanzierung
Durch die Übernahme von VW wandelte sich das Nettoguthaben in eine Nettoverschuldung von neun Milliarden Euro. Zudem dürften die Refinanzierungskosten steigen. So bietet Porsche für die Aufstockung des Kredits von 7,5 auf zehn Milliarden Euro den Banken einen Aufschlag von 325 Basispunkten – also 3,25 Prozent – auf den Interbankensatz Euribor, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Sechs der zehn Milliarden Euro laufen zwar ein Jahr, sollten aber bald durch einen Bond abgelöst werden, hieß es in Bankkreisen. Die zweite Tranche über vier Milliarden Euro könne Porsche noch um ein Jahr verlängern.