Porträt
Viel Lob und ein wenig Kritik für den Siemens-Chef

Vor fünf Jahren ist der frühere Pharma-Manager Peter Löscher zum Siemens-Chef berufen worden. Mit einer starker Hand hat er das Unternehmen neu aufgestellt. Aber Löscher geht beim Neuaufbau auch vieles zu langsam voran.
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Vom Gehalt eines Cristiano Ronaldo oder Andres Iniesta kann Fußball-Fan Peter Löscher nur träumen. Aber der von Siemens in der Krise 2007 eingekaufte Chef hat den Konzern in der Königsklasse gehalten und vorzeitig eine Vertragsverlängerung bis 2017 bekommen. Trotz einiger Schnitzer sind Aktionäre und Arbeitnehmer mit seiner ersten Halbzeit sehr zufrieden.

„Was sich geändert hat, ist der Umgang mit den Arbeitnehmervertretern. Die Akzeptanz von IG Metall und Betriebsräten hat sich deutlich erhöht“, lobt Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler. „Bei Interessenunterschieden ist er bemüht, die Konflikte konstruktiv anzugehen.“

Und auch Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) gibt dem Teamführer gute Noten: „Ein sehr unaufgeregter Wirtschaftskapitän, aber sehr effektiv. Er hat allen klar gemacht, dass Korruption nicht mehr geduldet wird. Er hat das Unternehmen gestrafft und geordnet und Siemens bis jetzt gut durch die Finanzkrise geführt.“

Löschers Berufung war ein Überraschungscoup gewesen. Ein halbes Jahr nach der Aufdeckung des Bestechungsskandals hatte Siemens zum ersten Mal in der Konzerngeschichte einen Mann von außen an die Spitze geholt. Nach dem Abgang von Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld lud der neue Aufsichtsratschef Gerhard Cromme die Presse an einem heißen Sonntagmittag plötzlich zur Vorstellung des neuen Vorstandschefs auf den Platz vor der Konzernzentrale ein. Der 1,95 Meter große Mann neben Cromme, den bis dahin kaum einer kannte, sagte sichtlich bewegt: „Ich reihe mich heute in die Reihe von 475.000 Siemensianern ein.“

Aber er reihte sich nicht ein - er räumte auf. Der Sohn eines Sägewerksbesitzers aus Kärnten hatte in Wien, Hongkong und Harvard Betriebswirtschaft studiert und in der Pharmaindustrie Karriere gemacht: Bei Hoechst in den USA, bei Aventis in Japan, in der Medizinsparte des Siemens-Konkurrenten General Electric und zuletzt als Vorstand beim US-Konzern Merck. Unbelastet und welterfahren, war er der richtige Mann, um Siemens wieder auf Kurs zu bringen und das Vertrauen der wichtigen US-Investoren zurückzugewinnen.

Schnell und entschlossen zerschlug Löscher alte Seilschaften, beseitigte „die Lehmschicht“ im mittleren Management, straffte die Konzernführung und strich 17.000 Stellen. Mit einem Bußgeld von 1,2 Milliarden Euro in Deutschland und den USA zog er 2008 einen Schlussstrich unter den Korruptionsskandal. Weil ihm Siemens „zu deutsch, zu weiß, zu männlich“ war, holte er sich neben anderen auch zwei Frauen aus Österreich und der Schweiz in den Vorstand.

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  • Sie haben die Provisionschneider vergessen!
    Siemens wird ebenso wie Daimler und Telekom durch Asset-An- und -Verkauf ausgecasht. Die Deutschbanker und Waigel sitzen am Fressnatz von Siemens.

  • Leider haben sie vollkommen recht mit ihrer Analyse.Die Leistung dieser beiden Herren sind Legende.Insbesondere die sog. Korruptionsbekämpfung hat weltweites Schenkelklopfen und Gejohle ausgelöst und Siemens in einem ungeheuren Umfang geschädigt.

  • Diesem Lob kann man als Aktionär gar nichts abgewinnen. Viele strategische und operative Fehlentscheidungen Löschers reihen sich aneinander. Die Aufzählung wäre Legende (die größten Fehlleistungen: Kauf Diagnostik-Sparte USA, viel zu teuere Korruptionsbekämpfung, unkoordinierter Ausstieg bei Areva, Untätigkeit beim Nokia-J.V.!). Lassen wir aber Zahlen sprechen: Seit Amtsantritt von Löscher ist die Siemens-Aktie von 110 € auf 65 € gefallen. Das entspricht einem Wertverlust von 41% oder von sagenhaften - 10% pro Jahr! Zum Vergleich ABB: Der Wertverlust der Aktie beträgt für denselben Zeitraum - 22% oder - 4,8% pro Jahr. Daß Löscher nett zu den Betriebräten und zur IG Metall ist, erklärt vielleicht einen Teil dieser grandiosen Fehlleistung des "Tandems infernale" Löscher/Cromme. Die beiden "TOP-Manager" landen bei der Wahl zum "besten Wertevernichter der letzten fünf Jahre" bestimmt auf den vorderen Plätze. Anstatt in Demut den Aktionären zu begegnen, wird Löscher jetzt auch noch von diversen "Manager-Playboy-Magazinen" zum Held stilisiert. Jedem Mittelständler dreht sich der Magen um. Ich warte jetzt nur noch auf die Kombination der Verlierer Siemens und Thyssen.

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