Portrait
Utz Claassen und die Tücken der Intelligenz

Er wirft anderen Versagen vor, erinnert sich selbst aber nur an Fahrfehler. Er prangert Gier an und streitet um viel Geld. Er sagt, er vermisse die Macht nicht – und drängt mit einem provokanten Buch wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Ein Versuch der Enträtselung des Utz Claassen, früh verrenteter Ex-Wirtschaftsboss.

LANGENARGEN. Die Suche nach Antworten könnte hier enden, in einem kleinen Ort am Bodensee mit Namen Langenargen. Dort, wo beim Bäcker noch immer die „Bäckerblume“ ausliegt, wo der Supermarkt noch „spar und nah“ heißt und wo der Einheimische seinem Hund genügend Leine lässt, um Besucher aus der Fremde auf Abstand zu halten. In dieser deutschen Idylle scheint die Welt noch so lupenrein durchschaubar wie der glasklare See, in den fröhliche Kinder von der Uferpromenade springen.

In Langenargen, auf dem braunen Ledersofa von Udo Müller, fügen sich jedenfalls die Bilder zusammen, lassen sich Antworten auf die Frage erahnen, was Müllers einstigen Doktoranden heute umtreibt, warum er wieder ein Buch geschrieben hat, warum er, entgegen seinen Beteuerungen, nicht lassen kann von der Macht.

Utz Claassen heißt dieser Mann, der ehemalige Chef des Energiekonzerns EnBW, der mit 44 Jahren früh verrentete Ex-Wirtschaftsboss, die stetige Reizfigur. Udo Müller ist sein Doktorvater gewesen, auf Müllers Ledersofa hat Claassen gesessen und Kaffee getrunken. „Er hatte eine auffallend schnelle intellektuelle Auffassungsgabe“, sagt Müller. Und dass mit dem Geld die Wende kam.

Es ist eine Geschichte, die von großer Intelligenz handelt – und ihren Tücken.

Karlsruhe, Anfang August. Quälerische 30 Minuten. Ein Blick auf den gerundeten Rücken genügt, die Haltung eines Raubtiers vor dem Angriff, um zu ermessen, dass Utz Claassen das alles nervt. Er muss zuhören, muss die Rede der Richterin über sich ergehen lassen, er kann nichts tun, er kann nichts sagen. Er war so gut vorbereitet, hatte vorher noch siegesgewiss für die Fotografen auf eine bestimmte Stelle in den Akten getippt. Seht her, hier ist mein Recht verbrieft. Und nun das. Keine Chance, seine analytischen, seine rhetorischen, seine überlegenen Fähigkeiten einzusetzen.

Die Macht der Gedanken ist zu seinem Metier geworden

Der Auftakt seines Prozesses gegen den Energieriesen EnBW, dessen Chef er bis 2007 war und der ihm, dem heute 46-Jährigen, nun kein Ruhegehalt mehr zahlen will, er endet für Claassen unbefriedigend. Er kommt kaum zu Wort. Es ist ein weiterer Tag, der ihm Verdruss bereiten muss.

Nun muss sich wieder alles in seinem Kopf abspielen. Die Macht der Gedanken ist zu seinem Metier geworden, zwangsläufig, denn die Macht der Wirtschaftswelt ist ihm abhandengekommen. Er ist selbstständiger Berater heute, aber was heißt das schon. Er war einmal Chef des drittgrößten Energieversorgers im Land. Er saß bei Sabine Christiansen auf der Couch. Er war gefragt.

Was macht eigentlich Utz Claassen heute? Keine Frage dürfte ihn mehr ärgern. „Ich vermisse die Macht nicht“, hat Claassen kürzlich gesagt. Kein Satz klingt falscher als dieser.

Mitte August, die Sommersonne versucht vergeblich, das Firmament zurückzuerobern, die Wolken blocken hartnäckig. Utz Claassen macht Station in Düsseldorf, ein Interview beim Handelsblatt, danach geht es gleich weiter zu NRW TV. Auf dem Weg zurück ans Firmament der öffentlichen Wahrnehmung wachsen offenbar selbst Lokalsender zum willkommenen Gesprächspartner heran.

Äußerlich hat er sich verändert. Noch vor zwei Jahren brachte der heute 46-jährige etliche Kilos zu viel auf die Waage, jetzt, um bestimmt 30 Kilo geschrumpft, haben die Anzüge Luft. Das Haar ist grau geworden und außer Verhältnis geraten: dünn auf dem Kopf, im Nacken legt es sich zu einer Rolle zusammen.

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