Industrie
Potanin: der verhasste Oligarch

Der Russe Wladimir Potanin gilt als Sinnbild des Kapitalismus – und ist damit wenig geschätzt. Über die Abneigung seiner Landsleute trösten den ehemaligen Vize-Premier von Boris Jelzin die 34 Mrd. Dollar hinweg, die sein Konzern Norilsk Nickel mittlerweile wert ist.

mbr NORILSK. Schwarz ist seine Lieblingsfarbe. Nicht das Schwarz der Abgaswolken seiner Fabrikschlote, sondern das edle Designer-Schwarz seiner Anzüge und Rollkragen-Pullover. Mit ihnen kriecht Nickel-König Wladimir Potanin via Bildschirm in die Fernseh-Haushalte zwischen Kaliningrad und Kamtschatka.

Wie der New Yorker Immobilien-Hai Donald Trump in seiner TV-Show „The Apprentice“ heuert und feuert der am 3. Januar 1961 in einer Moskauer Nomenklatura-Familie geborene Buntmetall-Zar Potanin auf der Mattscheibe. In der Reality-Show „Der Kandidat“ zeigt er die geheime U-Bahn unter dem Bergbauriesen Norilsk Nickel, fliegt im Privatjet mit den Fernseh-Kandidaten auf Business-Trip ins Ausland oder lässt die Bewerber gegen seine Tochter und Aquabike-Weltmeisterin Anastasija antreten. Warum ausgerechnet Potanin für die Sendestaffeln ausgewählt wurde, macht TV-Produzent Alexander Mitroschenkow klar: „Er ist der Ideologe des Unternehmertums in Russland.“

Tatsächlich ist der Mann mit dem stark zurückweichenden Haupthaar für viele seiner Landsleute die Hassfigur des Kapitalismus. Denn dreister noch als andere heutige Oligarchen ist Potanin an sein Vermögen gekommen: Als Vize-Premier in einer der Regierungen des ebenso trinkfesten wie wankelmütigen damaligen Kremlchefs Boris Jelzin wurde er zum Vater des so genannten Aktien-für-Kredite-Programms. Dabei liehen handverlesene Banken dem kollabierenden Staat Geld und bekamen zur Besicherung Aktienpakete der wichtigsten Industriebetriebe. Da die Regierung die Kredite nicht zurückzahlte, erstand die Klasse der Oligarchen die Filetstücke der Sowjetindustrie für Kopeken.

Bei solch einem Insidergeschäft sicherten sich Potanin und sein Partner Michail Prochorow zum Spottpreis von 250 Mill. Dollar die Mehrheit an Norilsk Nickel. Der Weltmarktführer bei Nickel und Palladium ist heute an der Börse 34 Mrd. Dollar wert.

Potanins Holding Interros, die auch die Anteile an Norilsk Nickel hält, ist ein „ernst zu nehmendes Wirtschaftsimperium mit Milliarden-Aktiva“. So umreißt der mit geschätzten 14,2 Mrd. Dollar Privatvermögen vom Moskauer Magazin „Finans“ auf Platz drei der Milliardärs-Rangliste gesetzte Potanin selbst sein Firmen-Konglomerat. Dazu gehören heute neben dem Bergbauriesen Norilsk Nickel unter anderem die Rosbank (an der inzwischen die Société Générale beteiligt ist), der Turbinenbauer Silowyje Maschiny (mit Siemens als Anteilseigner), das Moskauer Medienhaus Prof-Media, die Agrarholding Agros, der börsennotierte Immobilienkonzern Otkrytye Investizii/Open Investments und der Ölförderer Rusia Petroleum.

Reich ist er. Nun wolle er sich anderen Zielen zuwenden, verrät der Fußball- und Schach-Fan Potanin: „Wohltätigkeit ist der Wunsch meiner Seele.“ So will er jetzt die Wildgänse in Norilsk – einer der zehn am meisten verschmutzten Städte der Welt – retten.

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