Preisverhandlungen
Eisenerzminen drosseln die Produktion

Eines der wichtigsten Rituale auf dem Weltrohstoffmarkt hat begonnen: die jährlichen Gespräche zwischen Eisenerzförderern und Stahlherstellern über die Anpassung der Lieferpreise. Doch während die Minengiganten in den vergangenen Jahren saftige Preiserhöhungen durchsetzten, sitzen diesmal die Stahlkonzerne am längeren Hebel.

LONDON. Der Rückgang der Stahlproduktion wird es ihnen nach Einschätzung von Analysten ermöglichen, Preisabschläge von rund 30 Prozent durchzusetzen. Doch die Bergbaukonzerne halten dagegen: Sie fahren die Erzproduktion zurück, um Angebotsüberhänge zu vermeiden. Der britisch-australische Konzern Rio Tinto gab am Donnerstag bekannt, dass er die Produktion im vierten Quartal um 18 Prozent senkte.

Eisenerz wird, anders als die meisten anderen wichtigen Rohstoffe, nur zu einem geringen Teil auf Märkten gehandelt. Langfristige Lieferverträge dominieren, zumal die Stahlhersteller 98 Prozent der Produktion abnehmen und damit praktisch die einzigen Kunden sind. Bisher haben die Bergbaukonzerne ihre Ankündigungen nicht wahrgemacht, viel mehr Eisenerz auf Spotmärkten zu verkaufen, um zum Beispiel in Indien und China Nachfragespitzen abdecken.

Der Anreiz fehlt im Moment auch, denn die Spotmarktnotierungen sind im zweiten Halbjahr 2008 um mehr als die Hälfte eingebrochen und liegen seither deutlich unter den Preisen der Jahresverträge. Mit rund 75 Dollar je Tonne Eisenerz liegen sie noch immer um rund ein Fünftel unter den Preisen der geltenden Jahresverträge. Das dürfte sich bald ändern: Von Bloomberg befragte Rohstoffanalysten rechnen im Durchschnitt damit, dass die Stahlhersteller in den Verhandlungen Preissenkungen um 30 Prozent auf rund 64 Dollar je Tonne für das als Maßstab übliche australische Eisenerz durchsetzen. Für 2008 hatten sie beinahe eine Verdoppelung der Preise schlucken müssen.

Dabei gibt es jedoch eine breite Spanne von Einschätzungen. Während manche Analysten Preisabschläge bis zu 60 Prozent für denkbar halten, warnen andere, dass sich der Wind schon wieder gedreht habe. Tatsächlich sind die Spotpreise in den vergangenen Wochen um rund ein Viertel gestiegen, und die Eisenerzlager in China schrumpfen. „Der Markt hat sich zweifellos erholt“, sagt Tom Price, Analyst bei Merrill Lynch. Die chinesischen Stahlfirmen drängten darum auf schnelle Abschlüsse. Sie verlangen – ebenso wie der japanische Produzent JFE Steel – Preissenkungen von mindestens 40 Prozent. Der Verband der europäischen Stahlindustrie, Eurofer, forderte deutliche Preisnachlässe.

Die Minenkonzerne hingegen haben es nicht eilig. Sie hoffen auf eine Erholung der Stahlproduktion. Um den Angebotsüberhang nicht zu groß werden zu lassen, haben sie ihren Ausstoß gedrosselt. Der brasilianische Weltmarktführer Vale hat sechs Werke stillgelegt, die Eisenerzpellets produzieren, und die Produktion um rund ein Zehntel gesenkt. Der zweitgrößte Hersteller Rio Tinto legte die gigantische Pilbara-Mine in Australien über Weihnachten und Neujahr still. Auch anderen Bergwerken verordnete er Zwangspausen. Außerdem verschob der Konzern Milliardeninvestitionen in Brasilien und Guinea. Mehr als sieben Prozent des auf dem Seeweg gehandelten Eisenerzes sind damit nach Schätzungen der Commerzbank vom Markt genommen.

Der weltgrößte Rohstoffkonzern BHP Billiton, bei Eisenerz die Nummer drei, fährt eine andere Strategie. Ein Sprecher bestätigte, dass das britisch-australische Unternehmen die Eisenerzproduktion aufrechterhält. In die Verhandlungen mit den Stahlkonzernen gehe man mit dem Vorschlag, die Preise durch die Bindung an einen Index wie die chinesischen Spotpreise zu flexibilisieren. Das würde die jährlichen Preissprünge vermeiden. Doch angesichts der Volatilität der Spotpreise wollte sich die Stahlindustrie bisher darauf nicht einlassen. Schließlich lagen sie noch im Februar 2008 bei fast 200 Dollar je Tonne.

Die Analysten der Commerzbank weisen darauf hin, dass die Bergbaukonzerne von einer rund 30-prozentigen Aufwertung des US-Dollars gegenüber den Währungen Australiens und Brasiliens profitieren. Das erleichtere es ihnen, den Forderungen der Kunden entgegenzukommen. Den Kunden helfe wiederum der Verfall der Frachtkosten.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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