Private Ölkonzerne gehen auf staatliche Förderer zu, doch Rivalitäten bremsen neue Explorationsprojekte
Der Kampf der ungleichen Brüder

Im Raffinerie- und Verarbeitungssektor der Ölindustrie suchen die börsennotierten Konzerne und die staatlichen Fördergesellschaften verstärkt nach Kooperationen. Zuletzt kündigten die beiden größten Ölmultis Europas, BP und Royal Dutch/Shell an, mit der staatlichen Ölgesellschaft Kuwaits (KPC) zusammenarbeiten zu wollen – vor allem in der Wachstumsregion Asien.

LONDON. Auch der US-Konzern Exxon-Mobil und der saudische Förderer Saudi Aramco wollen sich gemeinsam in China und Indien engagieren.

Doch während die internationalen Konzerne und staatlichen Gesellschaften im Downstream-Bereich neue Wege gehen, behindert ihre Rivalität weiter die nötigen Investitionen in die Förderung neuer Vorkommen. Branchenvertreter und Analysten warnen, dass dies zunehmend Probleme bereiten könnte, die steigende Nachfrage nach Öl und Gas in aller Welt zu stillen.

Die Internationale Energie-Agentur IEA sagt voraus, dass der Öl- und Gasverbrauch vor allem in den Schwellenländern bis 2030 um zwei Drittel steigen wird. Investitionen von mehreren Billionen Dollar seien nötig, um diese Nachfrage zu decken.

Den Konzernen mangele es jedoch an Investitionsmöglichkeiten, argumentieren Experten. „Der fehlende Zugang zu den großen Vorkommen treibt die Multis dazu, in neue Energieformen zu investieren und mehr Geld an die Aktionäre auszuschütten“, sagte Leonidas Drollas, Chefökonom des Centre for Global Energy Studies (CGES) auf einer Konferenz in London. Im Fokus der Industrie stehen Gasverflüssigung, Tiefsee-Bohrungen und Ölsandminen. Drollas rechnet gar mit neuen großen Fusionen: Die Unternehmen müssen ihre Öl-Reserven auffrischen, zur Not per Übernahme.

Die nationalen Ölgesellschaften, die vor allem in Opec-Ländern in den 70er-Jahren entstanden sind, haben zwar die Hand auf den größten Reserven an leicht zu förderndem Öl und Gas, doch es fehlt ihnen oft an Geld und Technologie, um ihre Kapazitäten zu erweitern. So produzieren heute alle Opec-Staaten bis auf Saudi-Arabien nahe am Limit – ein Grund für die hohen Ölpreise: „Die Opec-Staaten haben nicht genug Kapazität geschaffen, um unerwartete Nachfrage-Anstiege abfangen zu können“, kritisiert CGES-Direktor Fadhil Chalabi.

„Die internationalen Ölkonzerne würden sich gerne stärker engagieren, zum Beispiel im Iran“, sagte Adam Sieminski, Direktor für Globale Energie-Strategie bei der Deutschen Bank in London, „doch sie bekommen zu schlechte Vertragskonditionen angeboten.“ Die Multis könnten es vor ihren Aktionären nicht verantworten, Milliarden in Projekte mit hohen Risiken zu stecken, die absehbar zu wenig Rendite abwürfen.

Auf Seiten der nationalen Ölgesellschaften herrscht indes tiefes Misstrauen gegenüber den börsennotierten Multis, weiß Valerie Marcel, Ölexpertin am Forschungsinstitut Chatham House. Die Staatsfirmen wollten Ölfelder langfristig nutzen und stabile Erträge für soziale und politische Aufgaben bereitstellen und sähen darin einen Interessenkonflikt mit internationalen Partnern. Sie schlägt neue Formen der Zusammenarbeit vor wie Dienstleistungsverträge oder privatwirtschaftlich geführte Gemeinschaftsunternehmen – auch in Drittländern.

Beide Seiten sehen den Zwang zur Zusammenarbeit: „Zur Zeit gibt es 20 Explorationsprojekte mit Investitionen jeweils von mehr als einer Milliarde Dollar“, sagte Ali Moshiri, Chairman von Chevron Texaco Latin America. Das ließe sich nur gemeinsam stemmen. Dabei sei er auch damit einverstanden, Minderheitspartner zu sein. „Die Aufgaben sind so groß, dass sie keine der Gruppen allein schultern kann“, bekräftigte Adrian Loader, Direktor für Strategische Planung bei Shell.

China greift derweil zur Selbsthilfe: Die Regierung hat die staatlichen Ölgesellschaften ermuntert, Förderprojekte im Ausland anzugehen. „Die Chinesen interessieren sich auch für Projekte, die internationale Ölkonzerne nicht akzeptieren würden“, sagt Loader.

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