Industrie

_

Probleme bei Thyssen-Krupp: Aktionärsschützer fordern Sonderprüfung

exklusivNach diversen Kartell- und Korruptionsvorwürfen möchten Aktionärsschützer bei Thyssen-Krupp notfalls selbst für Aufklärung sorgen. Ihre Idee: Ein Sonderprüfer soll die Missstände aufarbeiten.

Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen: Drei von sechs Vorständen mussten in der letzten Zeit ihren Hut nehmen. Quelle: dpa
Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen: Drei von sechs Vorständen mussten in der letzten Zeit ihren Hut nehmen. Quelle: dpa

Düsseldorf Aktionärsschützer wollen notfalls mit Hilfe eines gerichtlich bestellten Sonderprüfers die Milliardenverluste und Affären des Stahlriesens ThyssenKrupp unter die Lupe nehmen lassen. „Wir wollen auf der Hauptversammlung Pflöcke einschlagen und selbst für Aufklärung sorgen“, sagte Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Anzeige

Aufsichtsratschef Gerhard Cromme sei gefordert, bei ThyssenKrupp aufzuräumen wie einst nach Schmiergeldvorwürfen bei Siemens. „Noch geben wir ihm die Chance dazu. Wenn er aber in den kommenden Monaten nicht liefert, dann werden wir über die Personalie reden müssen“, meinte Tüngler. Die Geduld werde ein Ende habe, wenn nicht sehr zügig der „geforderte und dringend notwendige Kulturwandel“ erkennbar werde.

Auch Hans-Christoph Hirt, Executive Director des britischen Aktionärsberaters Hermes Equity Ownership Services, fordert einen “glaubwürdigen Neuanfang für die Unternehmensführung“ bei Thyssen-Krupp. Der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme könne sich der „Mitverantwortung nicht entziehen“, schreibt Hirt in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt (Donnerstagausgabe). „In Anbetracht der gravierenden Defizite in der Führungskultur ist klar, dass ein glaubwürdiger Neuanfang bei Thyssen-Krupp nicht auf der Vorstandsebene enden kann. Er setzt vielmehr voraus, dass auch im Aufsichtsrat Verantwortung für Defizite in der Führungskultur und daraus resultierende Fehlentwicklungen übernommen wird.“ Hermes vertritt die Interessen großer Pensionsfonds und wird durch Hirt an an diesem Freitag auf der Hauptversammlung von Thyssen-Krupp vertreten.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

  • Umgang mit Geschäftspartnern

    Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

  • Umgang mit Geschäftspartnern (2)

    Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

  • Umgang mit Gewerkschaftern

    Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

  • Querelen im Vorstand

    ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

    Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

  • Korruptionsvorwürfe

    Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

  • Das Werk in Brasilien (1)

    Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

    Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

  • Das Werk in Brasilien (2)

    Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

  • Das Werk in den USA

    Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Hirt fordert zudem von der Alfired Krupp von Bohlen und Halbach-Krupp-Stiftung, dem größten Einzelaktionär des Stahlkonzerns, das sogenannte Entsendungsrecht nicht mehr in Anspruch zu nehmen. „Das verstößt gegen internationale Prinzipien guter Unternehmensführung.“ Drei Mitglieder des Aufsichtsrats bei Thyssen-Krupp, unter ihnen Cromme und bis vor kurzem auch der zurückgetretene SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD), sind von der Stiftung in das Kontrollgremium entsandt, ohne dass die anderen Aktionäre darüber abstimmen durften. Hermes-Manager Hirt macht dieses Sonerrecht der Stiftung mitverantwortlich für die mangelhafte Führungskultur bei Thyssen-Krupp.

Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre sprach sich dagegen für einen Rücktritt von Cromme aus. „Personifiziert wird der moralische Niedergang bei ThyssenKrupp furch Gerhard Cromme“, meinte der Geschäftsführer des Verbands, Markus Dufner.

Produkte von Thyssen-Krupp Schaufelräder, Zementwerke und U-Boote

  • Produkte von Thyssen-Krupp: Schaufelräder, Zementwerke und U-Boote
  • Produkte von Thyssen-Krupp: Schaufelräder, Zementwerke und U-Boote
  • Produkte von Thyssen-Krupp: Schaufelräder, Zementwerke und U-Boote
  • Produkte von Thyssen-Krupp: Schaufelräder, Zementwerke und U-Boote

Nach einer Anzeige gegen Cromme wegen des Verdachts einer Aufsichtspflichtverletzung im Zusammenhang mit Kartellverstößen soll es keine Ermittlungen geben. Dazu bestehe derzeit kein Anlass, erklärte ein Sprecher des Bundeskartellamts am Mittwoch. Das „Manager Magazin“ hatte zuvor berichtet, dass eine entsprechende Anzeige eines Rechtsanwalts bei der Staatsanwaltschaft eingegangen sei.

ThyssenKrupp geriet in den vergangenen Monaten durch Misserfolge mit Stahlwerken in Brasilien und den USA sowie diverse Kartell- und Korruptionsvorwürfe in die Schlagzeilen. Drei von sechs Vorständen mussten ihren Hut nehmen, damit ein Neuanfang gelingt. Doch auch die Arbeit des Aufsichtsrats geriet ins Kreuzfeuer der Kritik. Es wird daher an diesem Freitag (18.1.) eine turbulente Hauptversammlung erwartet.

Das aufgeflogene Schienenkartell biete einen Hebel, um die Missstände von einem unabhängigen Prüfer aufarbeiten zu lassen, betonte Tüngler. Auf die Stimmen der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die gut 25 Prozent der Aktien besitzt und damit auf der Hauptversammlung das Schwergewicht sei, wäre man letzten Endes nicht angewiesen. „Um bei Gericht Erfolgsaussichten zu haben, muss eine grobe Verletzung der Gesetze vorliegen. Das ist beim Schienenkartell der Fall“, erläutert der Aktionärsschützer.

  • Die aktuellen Top-Themen
Ziele wackeln: Deutsche Bank kommt nicht vom Fleck

Deutsche Bank kommt nicht vom Fleck

Die Ziele der „Strategie 2015+“ kann die Deutsche Bank wohl nicht mehr halten. Das Umfeld ist schwierig, dazu kommen viele hausgemachte Probleme. Nun kündigt das Geldhaus die Überprüfung der Ziele im neuen Jahr an.

Junge Studienanfänger: Elternsprechtag an der Uni

Elternsprechtag an der Uni

Mit 17 an die Uni: Durch das Turbo-Abitur werden die Erstsemester zunehmend jünger. Das hat besorgte Eltern und überforderte Studienanfänger zur Folge. Einige Unis reagieren nun auf den Verjüngungstrend.

  • Business-Lounge
Business-Lounge: Die großen Auftritte der Entscheider

Die großen Auftritte der Entscheider

Premieren, Feste, Symposien oder Jubiläumsfestivitäten – es gibt viele Anlässe, bei denen die Größen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im Mittelpunkt stehen. Verfolgen Sie die Auftritte in Bildern.

Mit dem Jobturbo durchsuchen Sie mehr als 215.000 Stellenanzeigen  in 36 deutschen Stellenbörsen.
Diese Jobs suchen die Handelsblatt-Leser:
1. Ingenieur   6. Bauingenieur
2. Geschäftsführer   7. Marketing
3. Financial Analyst   8. Jurist
4. Controller   9. Volkswirt
5. Steuerberater   10. Designer