Probleme im Ausland
Die Arbeit kehrt heim

Nach Jahren der Abwanderung machen steigende Transportkosten und schwer zu bewältigende Managementprobleme im Ausland die Produktion in Deutschland wieder attraktiver. Ein Essay.

Anfang der 70er-Jahre war das kleine Flüsschen Echaz in Reutlingen für Kinder eine Attraktion, denn jeden Tag hatte das Wasser eine andere Farbe: Mal eher grünlich, dann wechselte der Ton ins Blaue, Braune oder Rötliche. "Das sind die Kleiderfabriken“, sagten die Eltern und zogen ihre Sprösslinge weiter.

Seit vielen Jahren ist die Echaz allenfalls dann schlammbraun, wenn es tagelang geregnet hat. Dafür leuchten heute die Ströme in Vietnam, in Bangladesch oder China in den unterschiedlichsten Tönen. Dort färben Arbeiterinnen die Garne und nähen die T-Shirts und Hosen, die einst der ganze Stolz der schwäbischen Textilindustrie waren.

Das Beispiel scheint für einen unaufhaltsamen Trend zu stehen: In Deutschland schließen die Fabriken, viele tausend Kilometer weiter östlich werden neue Werke in die Höhe gezogen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 1980 fand hierzulande noch mehr als eine halbe Million Menschen Arbeit in der Textil- und Bekleidungsbranche, heute gibt es nur noch ein Fünftel der Jobs. Ob Schuhe oder Socken, Kühlschränke oder Computer – wenn die Deutschen einkaufen, bekommen sie heute zum großen Teil Ware aus fernen Ländern vorgesetzt.

So aussichtslos, wie es auf den ersten Blick aussieht, ist die Lage für die heimische Produktion allerdings nicht. Denn es gibt gute Gründe dafür, dass nach wie vor Werke in Deutschland bleiben. Mehr noch, wahrscheinlich wird über kurz oder lang zumindest ein Teil der in die Ferne verlagerten Fabrikation sogar wieder zurückkehren.

Wie so oft in der Wirtschaftsgeschichte sind es veränderte Kosten, die Verlagerungen auslösen. Steigende Energiepreise ziehen höhere Transportkosten nach sich, die weit entfernte Standorte weniger attraktiv machen. Hinzu kommt, dass auch viele mittlere Unternehmen in ihrer Managementkapazität schnell überfordert sind, wenn sie eine Produktion in Asien aufbauen wollen. Die Nähe der deutschen Fertigung zum Endverbraucher in Europa bietet dagegen den Vorteil schnellerer Reaktionsmöglichkeit. Und nicht zuletzt sind deutsche Firmen in den vergangenen Jahren so viel flexibler geworden, dass frühere Nachteile entfallen.

In den letzten 20 Jahren wurde ein T-Shirt durch den Transport von China nach Deutschland nur ein paar Cent teurer. Deshalb lohnte es sich, in China zu produzieren, und sei das Zeug noch so sperrig. Doch nun ist eine kritische Grenze erreicht: "Bei einem Ölpreis von 100 Dollar pro Fass ist der Lohnkostenvorteil von Asien dahin“, sagt Bernd Bischoff, der Chef des Münchener Computerherstellers Fujitsu-Siemens. Derzeit klettern die Transportkosten auf ein Niveau, das die Produktion der Rechner in Europa wieder attraktiv macht.

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