Produktionskürzung
Boom in der Stahlbranche flaut ab

Der weltgrößte Stahlproduzent Arcelor Mittal kürzt seine Produktion in Europa. Hier sind die Lagerbestände trotz stabiler Nachfrage zuletzt gestiegen. Erste Anzeichen für ein Abflauen des Booms sind unverkennbar.

DÜSSELDORF. Der Stahlproduzent Arcelor Mittal versucht, mit einer vorübergehenden Produktionskürzung einem möglichen Verfall der Flachstahlpreise in Europa vorzubeugen. Arcelor Mittal kündigte am Donnerstag an, einen Hochofen im französischen Dünkirchen erst mit zweiwöchiger Verzögerung wieder in Betrieb zu nehmen. Außerdem wird der Konzern einen Hochofens im spanischen Avilès früher als geplant im ersten Quartal 2007 überholen. Branchenkenner erwarten, dass andere Konkurrenten dem Beispiel folgen werden. Die beiden größten deutschen Stahlproduzenten, Thyssen-Krupp und Salzgitter, beabsichtigen jedoch nicht, die Produktion außerplanmäßig zu kürzen.

„Der Branchenführer setzt frühzeitig ein Zeichen“, sagte Hermann Reith, Stahlexperte der Frankfurter BHF-Bank. Arcelor Mittal hatte bereits Anfang Oktober beschlossen, die Flachstahlproduktion in den USA im vierten Quartal zu kürzen und hat dies mit einer schleppenden Nachfrage seitens der großen US-Automobilhersteller General Motors und Ford begründet, die unter Absatzproblemen leiden. Außerdem wurde der US-Stahlmarkt im September von Importen insbesondere aus Asien überschwemmt. Sie stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent.

Auch in Europa sind die Lagerbestände trotz stabiler Nachfrage zuletzt gestiegen. Zwar haben sie insgesamt noch nicht ihre normale Höhe erreicht. Jedoch ergibt sich je nach Produkt ein höchst unterschiedliches Bild: Bei feuerverzinkten Blechen für die Automobilindustrie ist die Nachfrage unverändert hoch. „Der Markt ist tendenziell unterversorgt“, so die Einschätzung von Michael Broeker, Analyst beim Frankfurter Wertpapierdienstleisters Steubing. Dagegen haben sich die Lagerbestände beim Massenprodukt ungebeiztes Warmband in den vergangenen Monaten „leicht, wenn auch nicht gravierend erhöht“, sagt der Stahlexperte.

Nachdem Europa von Stahlimporten bislang weitgehend verschont geblieben ist, könnte sich das Blatt nun wenden. Denn die Stahlpreise in den USA bröckeln und damit besteht die Gefahr, dass „die Prämie gegenüber Europa verschwindet“, sagt BHF-Stahlanalyst Reith. Noch allerdings sind die Tagespreise für Warmband in den USA mit 683 Dollar je Tonne 46 Dollar teurer als in Europa.

Allerdings beginnen in wenigen Wochen die Verhandlungen zwischen den Stahlherstellern und den Automobilkonzernen über neue Jahresverträge. Von daher liegt es auf der Hand, dass die Stahlproduzenten kaum Interesse an sinkenden Stahlpreisen haben. Gleichwohl plant Salzgitter auch nach der angekündigten Produktionskürzung von Arcelor Mittal weiter „im normalem Rahmen“, wie ein Konzernsprecher sagte. Auch Thyssen-Krupp sehe „wegen des hohen Auftragsbestands“ von Produktionskürzungen ab, sagte ein Unternehmenssprecher.

Dennoch sind erste Anzeichen für ein Abflauen des Booms unverkennbar. Erstmals seit einem Jahr sinken die Auftragseingänge der deutschen Stahlhersteller. Nach Informationen des Handelsblatts aus Branchenkreisen betrug das Minus im September im Vergleich zum Vorjahr mehr als zehn Prozent. Es kommt hinzu: Der europäische Stahlverband Eurofer erwartet, dass der reale Stahlverbrauch in Europa ab dem zweiten Quartal 2007 im Vorjahresvergleich nicht mehr wachsen wird. Die Aktie von Thyssen-Krupp war mit einem Minus von 1,9 Prozent Schlusslicht im Deutschen Aktienindex Dax.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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