Produktionsstopp
Autokrise: Toyota drosselt die Produktion

Der japanische Autokonzern stoppt die Produktion an zwölf Standorten für elf zusätzliche Tage im Februar und März. Analysten zufolge dürfte das zu weiteren Entlassungen beim Autobauer und abhängigen Betrieben führen. Durch ein Fitnessprogramm will Toyota in der Krise seinen Vorsprung sichern.
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TOKIO. Die Partnerunternehmen Aisin und Toyota Industries kündigten bereits Jahresverluste an. Im vergangenen halben Jahr haben rund 300 kleinere japanische Autozulieferer Insolvenz angemeldet. Toyota betreibt weltweit 75 Produktionsstandorte. Das Unternehmen war mit einem Ausstoß von 9,23 Mill. Autos im vergangenen Jahr Weltmarktführer vor GM. Der angeschlagene US-Konkurrent hat nach eigenen Angaben 8,15 Mill. Autos abgesetzt.

Die Krise trifft Toyota mit einem drohenden Verlust von 150 Mrd. Yen (1,2 Mrd. Euro) im Geschäftsjahr bis Ende März scheinbar härter als den vergleichbaren deutschen VW-Konzern. Doch die Japaner haben eine Neigung, sehr konservativ zu prognostizieren, um hinterher schnell bessere Ergebnisse vorweisen zu können. Zudem bedroht der Verlust mitnichten die Existenz von Toyota. Das Unternehmen hat genug Geld zurückgelegt. In den fetten Jahren eines guten US-Geschäfts mit sparsamen Autos konnte Toyota nach Branchenschätzungen rund vier Bill. Yen (30 Mrd. Euro) ansparen. Man habe durch die solide Bilanz einen ziemlich langen Atem, ist aus dem Unternehmen zu hören. Toyota ist daher trotz der Autokrise immer noch das Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung an der Börse Tokio. Am Handelsplatz kursiert die Version, dass Konzernchef Katsuaki Watanabe seine Buchhalter absichtlich einen Verlust errechnen ließ. Er wolle damit seinen Laden auf Trab bringen, Entlassungen rechtfertigen und ein allgemeines Krisengefühl hervorrufen. Toyota schneidet in Krisen am besten ab, flüstern sich die Top-Manager als Betriebsgeheimnis des Konzerns zu.

Anders als die US-Rivalen schaltet Toyota daher auch gerade jetzt auf eine Vorwärtsstrategie um. „Die Lage kommt einer nie dagewesenen Notsituation gleich, aber jetzt ist auch der Moment, um in die Zukunft zu schauen“, hatte Watanabe vor einigen Wochen gesagt. Die Sparwelle betrifft daher nicht die Errichtung einer neuen Forschungs- und Entwicklungseinrichtung in der japanischen Präfektur Aichi. Die Ingenieure sollen dort ab 2010 daran arbeiten, Hybridantriebe kostengünstiger und leichter zu machen. Ziel ist es, alle Modelle standardmäßig mit dem Doppelmotor auszustatten. Auch eine neue Teststrecke im Wert von 200 Mrd. Yen steht nicht zur Debatte. Die Einrichtung kostet mehr als der für dieses Jahr angekündigte Verlust.

Bereits jetzt erweist sich die Investition in pfiffige Neuentwicklungen als lohnend. Für den neuen Kleinstwagen „iQ“ verzeichnet Toyota auch im Krisenwinter entgegen alle Trends dreimal mehr Bestellungen als erwartet. Der Hybridwagen Prius kommt im Frühjahr in der dritten Generation in die Läden. Er ist schöner, schneller und noch sparsamer als seine Vorgänger. Der Konzern hofft, mit dem neuen Modell eine akute Absatzflaute für den relativ teuren, aber sparsamen Wagen abfangen zu können.

Watanabe lässt auch die Entwicklung des reinen Solarautos vorantreiben. Es soll komplett ohne den Ausstoß von Kohlendioxid auskommen, der Fahrer könnte ihn bequem in der Garage mit Strom aus alternativer Energie oder Kernkraft aufladen. Eine Batterie der Generation jenseits von Lithium-Ionen-Akkus soll dabei die Reichweite derzeitiger Elektroautos vervielfachen. An dieser Batterie tüfteln derzeit 50 Physiker und Ingenieure, deren Jobs als sicher gelten. An sonnigen Tagen treibt eine Schicht von Photozellen auf dem Auto das Fahrzeug noch viel weiter, als die Batterie reichen würde. Toyota steigt eigens ins Solar-Geschäft ein, um für dieses Projekt nicht allzu abhängig von der Elektroindustrie zu werden. In einem weiteren Vorstoß in die Zukunft setzt Watanabe Priorität auf die Entwicklung von Robotern für Haushalt und Pflege. Die Prototypen können bereits Violine spielen und Tee servieren.

Bevor Toyota die Früchte all dieser Anstrengungen ernten kann, ist jedoch Schrumpfen und Sparen angesagt. Im Januar hatte Toyota seine Fabriken in Japan bereits für drei Tage still stehen lassen. Watanabe will gruppenweit alle Ausgaben um 30 Prozent senken. Laufende Projekte lässt der Manager auf die Zeit nach der Krise strecken. Die Eröffnung eines neuen Werks im US-Bundesstaat Mississippi war eigentlich für 2010 geplant, soll nun aber deutlich später stattfinden. Das anfängliche Produktionsziel für einen neuen Standort in Indien hat der Weltmarktführer um ein Drittel zurückgenommen. Die Eröffnung eines Motorenwerks in der japanischen Präfektur Miyagi ist von 2010 auf unbestimmt vertagt. Die Stahlindustrie zeigt bereits Bereitschaft, Blech mit deutlichem Rabatt zu liefern. Die Mitarbeiter sind doppelt aufgerufen, Sparideen vorzubringen. Eine Belohnung gibt es dafür nicht - die ständige Weiterentwicklung ist fest in der Unternehmenskultur verankert. Fest steht: von all den Kostensenkungen wird Toyota auch dann profitieren, wenn das schlechte Wetter für die Branche sich wieder verzogen hat.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

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