Prozess um Todesraffinerie
Schwere Vorwürfe gegen BP

BP ist einer der größten Konzerne der Welt. In den vergangenen zwei Jahren gab der Ölriese allein zwanzig Milliarden Dollar dafür aus, um eigene Aktien zurückzukaufen. Für die Sicherheit seiner Mitarbeiter war BP schon ein winziger Bruchteil dieser Summe zu viel. Nun steht der Konzern vor Gericht.

GALVESTON. Der Prozess gegen den Ölkonzern BP ist mit schweren Vorwürfen eines leitenden Mitarbeiters gestartet. Nach der Aussage des BP-Raffineriechefs Don Parus könnten 15 Ölarbeiter heute vielleicht noch leben, hätte der Konzern nicht einen Budgetantrag für eine 150 000 Dollar teure Sicherheitsmaßnahme abgelehnt.

Bei der Explosion auf der BP-Raffinerie in Texas City 60 Kilometer südöstlich von Houston starben im März 2005 fünfzehn Männer und Frauen, 170 weitere wurden verletzt. Mehrere Untersuchungsberichte kamen seither zu dem Schluss, dass Sparmaßnahmen für den schlechten Zustand der Raffinerie verantwortlich waren. Dabei war die Anlage nach Worten des Raffineriechefs Parus „die reinste Gelddruckmaschine“. Der Jahresgewinn lag bei einer Milliarde Dollar und mehr.

Nur 0,02 Prozent des Gewinns wären notwendig gewesen, um die Raffinerie 2002 mit sogenannten Flares auszustatten. Diese hätten austretendes Gas und Flüssigkeit am Ende der Notkamine verbrannt und verhindert, dass sich das hochexplosive Gemisch am Morgen des 23. März 2005 in der Anlage ausbreitete und schließlich entzündete. Die Flares wurden laut BP-Unterlagen abgelehnt, weil sie nicht gesetzlich vorgeschrieben waren. Ob sie die Explosion ganz verhindert hätten, ist unklar. Aber: „Das Ende wäre ein anderes gewesen“, sagte Parus vor den zwölf Geschworenen in Galveston (Texas).

BP hatte seit der Katastrophe versucht, einen Prozess zu vermeiden. Der Ölkonzern, der 2005 insgesamt 19,3 Mrd. Dollar Gewinn verbuchte, hat sich mit allen Hinterbliebenen der 15 Todesopfer verglichen. Darüber hinaus zahlte BP in mehr als 1 300 Fällen, bei denen es um Verletzte und Sachschäden ging. Insgesamt hat der Konzern 1,6 Mrd. Dollar für Entschädigungen zurückgestellt.

Beim ersten nun doch zur Verhandlung kommenden Fall geht es unter anderem um die Ansprüche der beiden sechs und elf Jahre alten Söhne von Rene Cardona. Der 26-jährige Ölarbeiter hatte sich umgebracht, nachdem die Raffinerie nach der Explosion stillgelegt wurde und er seinen Arbeitsplatz verlor. Bei seiner Obduktion fand man Alkohol und Kokain in seinem Blut. Nach Aussage des Anwalts seiner Waisen gibt es mit dem Ölkonzern einen Streit darüber, ob Cardona bereits vor oder erst nach dem Unglück Rauschmittel nahm.

Für BP bedeutet der Prozessauftakt den Beginn einer öffentlichen, bis zu zwei Monate dauernden Zurschaustellung massiver Verantwortungslosigkeit. Den Geschworenen wurden interne Dokumente von BP vorgelegt, in denen Sicherheitsexperten schon 2001 davor warnten, dass es in der heruntergekommenen Raffinerie zu Unfällen mit „vielen Toten, Sachschäden, Betriebsausfällen und Imageschäden für BP“ kommen könnte. Der Raffinerieleiter Parus machte extreme Sparvorschriften für den Zustand der Anlage verantwortlich. Angewiesen wurde diese 25-prozentige, konzernweite Budgetkürzung durch die BP-Zentrale in London.

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