Prozess
Utz Claassen und die Überraschungen der Justiz

Utz Claassen ist nicht ganz leicht zu verstehen. In seinem Buch „Wir Geisterfahrer“ rechnet der ehemalige Chef des Versogers EnBW mit der Gier in der Wirtschaftselite ab. Das hindert ihn aber nicht daran, EnBW auf die Zahlung seines üppigen Übergangsgeldes zu verklagen. Heute war der Prozessauftakt. Claassen scheint gute Chancen zu haben.

KARLSRUHE. Klack, drei goldene Ringe, klack, eine goldene Uhr, klack, die Lesebrille. Irgendetwas schlägt immer aufs Pult. Angela Jaeger, Mitte Fünfzig, kommt in Fahrt. Eine Viertelstunde redet sie nun schon, ihre Gesten werden ausladender, ihr badischer Dialekt unverstellter, ihre Betonung spitzer. Versuchte Einwürfe prallen ab. „Jetzt“, bügelt die Dame schon den Ansatz von Widerspruch ab, „bin ich dran.“

Vier Männer, auf Krawall gebürstet, aber noch nicht ein Mal zu Wort gekommen, sind erstaunt – das Publikum amüsiert. Justiz kann manchmal doch überraschend spritzig sein. Wenn sie denn von Richterinnen wie Angela Jaeger vertreten wird.

Dabei hatte es gestern Morgen in Saal 130 des Karlsruher Landgerichts noch nach dem üblichen Promi-Prozess ausgesehen. Anwälte, die sich aufplustern, Mandanten, die sich gerne aufplustern lassen. Fotografen bestürmen Utz Claassen, den Kläger, der medientauglich in seinen Akten blättert. Derweil versucht eine TV-Journalistin dessen gerade erschienenes Buch „Wir Geisterfahrer“ zum Abfilmen auf den Tisch des gegnerischen Anwalts zu legen. „Das“, sagt der mit abweisender Handbewegung Richtung Claassen, „legen Sie mal bitte bei ihm hin.“

Es geht um viel Geld, da hört der Spaß auf. Claassen (46) hat seinen früheren Arbeitgeber, den Energieversorger EnBW, vor Gericht gezerrt. Der sitzt ihm an diesem Donnerstagmorgen in Person von Aufsichtsratschef Claus-Dieter Hoffmann und Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer gegenüber. EnBW hat Claassen, der 2007 als Vorstandsvorsitzender ausschied, nicht mehr die bis zu dessen 63. Lebensjahr vereinbarte Pension von jährlich fast 400 000 Euro überwiesen. Begründung: Auf das Geld müssten die Bezüge angerechnet werden, die Claassen unter anderem aus seinem jetzigen Job für den US-Finanzinvestor Cerberus bezieht. Deshalb wolle man nun Auskunft darüber, was Claassen so alles für Einkünfte habe.

Dessen Anwalt Kaus Menge führt dagegen ins Feld, sein Mandant sei lediglich Berater von Cerberus. Das Honorar falle nicht unter die damals vertraglich festgelegten anrechenfähigen Bestandteile. Außerdem könne Claassen nicht zugemutet werden, komplett über seine Einkünfte Rechenschaft abzulegen.

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