Klimawandel, Ölpreise, Verkehrskollaps: Das Wettrennen um das Auto der Zukunft ist in vollem Gang. Wie zwei französische Firmen dieses Rennen gegen die Großkonzerne gewinnen wollen – und warum Milliardäre wie Ratan Tata und Vincent Bolloré an deren Visionen glauben.
NIZZA/PARIS. „Klack-klack-klack-klack“ – der Sound des Motors erinnert an den Klang von Citroëns legendärem 2CV, der „Ente“. Kein Wunder, denn wie das französische Kultauto wird auch der Prototyp der Autofirma MDI von einem Zwei-Zylinder-Motor angetrieben. Der 2CV motorisierte ab 1949 ganz Frankreich. Eine Revolution soll auch der tuckernde Prototyp von MDI lostreten: die des Automarkts des 21. Jahrhunderts.
Die wahre Revolution steckt aber unter dem Kunststoffkleid des kleinen Gefährts: Der Motor läuft nicht mit Benzin, sondern mit komprimierter Luft. Tobsuchtssanfälle an der Tankstelle, weil der Sprit schon wieder teurer geworden ist? Das war gestern.
Sagt jedenfalls Guy Negre, Gründer von MDI und Entwickler der automobilen Luftantriebsnummer – Probefahrt gefällig?
Töffelnd dreht der Testwagen Runde um Runde auf dem Hof des Firmensitzes im südfranzösischen Carros, 14 Kilometer nördlich von Nizza. Von außen kommt die MDI-Zentrale schon wie ein echter Autohändler daher. Große Glasscheiben geben den Blick auf drei Prototypen im weiß gefliesten Showroom frei: ein dunkelgrünes Fahrzeug im Taxi-Look und zwei „Minicats“, wie Negres dreisitzige Stadtmobile heißen. Zwar liegt das Firmengelände versteckt in einem unübersichtlichen Industriegebiet. Dennoch drücken sich ständig Neugierige die Nasen an den Scheiben der putzigen Prototypen platt.
Klimawandel, Ölpreise, Verkehrskollaps: Das Wettrennen um das Auto der Zukunft ist in vollem Gang. Sauber und grün soll es sein, wenig Kraftstoff verbrauchen, aber dennoch ansehnlich und bequem. Die Großen der Branche wie Daimler, General Motors oder Peugeot sind natürlich längst dabei. Aber spätestens seit dem Erfolg des US-Elektroflitzers Tesla sind immer mehr Autobauer überzeugt, den Riesenkonzernen mit Cleverness und Schnelligkeit einen Teil des Zukunftsmarkts abjagen zu können.
In Frankreich sind das Negre mit MDI und das „Bluecar“. Beide haben geschäftstüchtige und erfahrene Partner davon überzeugt, dass ihre Autoträume keine Spinnereien sind. Bei MDI stieg der indische Industriemogul Ratan Tata ein; Bluecar wird vom französischen Milliardär Vincent Bolloré finanziert.
„Anfang nächsten Jahres werden wir unser Basismodell ,Onecat' auf den Markt bringen“, sagt MDI-Gründer Negre. „Der Wagen wird nur 3 500 Euro kosten, Vorbestellungen sind auf unserer Website möglich.“
Mit den grauen Haaren, der kleinen Statur und der rundlichen Nickelbrille auf der Nase erinnert er ein wenig an Formel-1-Papst Bernie Eccelstone.
Sein Leben lang entwickelte der 68-jährige Ingenieur Negre Motoren – nun hat er sein Privatvermögen in die Entwicklung des Druckluftmotors gesteckt.
Im Alleingang gegen die Ingenieur-Armeen von Renault, Peugeot-Citroën oder VW? Das PS-Establishment rümpfte lange ob der Luftauto-Idee die Nase. „Wir wurden ausgelacht“, erinnert sich Negre. Für Renault hatte er einst Formel-1-Motoren mitentwickelt. Einen Druckluft-Flugzeugmotor entwickelte er auf eigene Kosten. Doch sein Luftmotor wurde als Luftnummer verlacht – bis Januar 2007. Nach über zehn Jahren Entwicklungsarbeit fand Negre endlich einen finanzkräftigen Partner: Ratan Tata. Zur Erinnerung: Tata Motors hat jüngst die britischen Nobelmarken Jaguar und Land Rover geschluckt und schickt sich an, mit einem Billigauto Millionen Menschen in Entwicklungsländern zu motorisieren.
Für 20 Millionen Euro kaufte Ratan Tata Guy Negre eine Lizenz für das Luftmotor-Konzept ab, um die Technik des Franzosen auf den indischen Markt zu bringen. „Ratan Tata war höchstpersönlich hier, um sich unsere Entwicklung anzuschauen“, erzählt Motor-Visionär Negre.

