Qualitätskontrollen sind unerlässlich geworden
Benzin ohne Reinheitsgebot

Jede dritte polnische Tankstelle panscht. Das ergab eine Stichprobenuntersuchung des staatlichen Eich-Amtes und der Behörde für Verbraucherschutz.

WARSCHAU. Der Benzinverbrauch des Neuwagens ist mal eben auf das Doppelte gestiegen. Aus dem Auspuffrohr quellen teerschwarze, stinkende Abgase und im Leerlauf rüttelt der Motor wie wild. Werkstattchef Grzegorz Szcztowski braucht nicht lange für die Diagnose: „Die Lambda-Sonde vom Katalysator ist kaputt.“ Und wie kommt das? Der Meister zuckt mit den Schultern: „Pansch-Benzin“, erklärt er der verdutzten Kundin, „das können Sie sich an jeder Tankstelle einfangen.“

Vor solchen Überraschungen sind Autofahrer in Polen nicht sicher: Jede dritte Tankstelle verkauft gepanschtes Benzin. Das ergab eine Stichprobenuntersuchung des staatlichen Eich-Amtes und der Behörde für Verbraucherschutz. Die Ämter haben 214 Tankstellen auf die Qualität des Treibstoffs und 392 Stationen auf die Richtigkeit ihrer Messgeräte untersucht.

Die Ergebnisse sind schockierend. Im ostpolnischen Besko floss aus den Benzin-Zapfhähnen einer Tankstelle normales Dieselöl oder auch kaum verdünntes Lackverdünnungsmittel. Bei einer Station im schlesischen Zabrze stimmte keiner der überprüften Werte – wie beispielsweise Oktanzahl oder Schwefelgehalt. In dem Ort Nowe Miasto fielen den Inspektoren die gebrochenen Siegel an den Uhren auf. Eine Messung ergab: Die Tankuhren wichen um 1,89 Prozent von der erlaubten Toleranz ab. „In einem Fall konnte man sehen, dass an der Uhr herumgefummelt wurde,“ erzählt Eichamt-Chef Wlodzimierz Sanocki, „nur leider hatte der Pächter in die falsche Richtung gedreht – zu Ungunsten der Tankstelle.“

Bislang hatten weder Mineralölkonzerne noch Pächter in Polen viel zu fürchten: Im vergangenen Jahr wurden nur 40 Tankstellen landesweit überprüft, weil die Mittel zu mehr nicht reichten. Doch ist das Problem inzwischen so groß geworden, dass Premier Leszek Miller auf Druck der Verbraucherschutzverbände und der Autofahrer-Lobby einen Sonderfonds von 2 Mill. Zloty (446 000 Euro) für umfassendere Untersuchungen genehmigte.

Besonders für No-Name-Stationen auf dem Land ist die Versuchung groß, das Benzin zu strecken. Sie können mit der Reklame oder den Sonderangeboten der Großen nicht mithalten und beziehen oft Billig-Benzin von dubiosen Anbietern - oder panschen selbst.

Aber auch der größte polnische Mineralöl-Konzern PKN Orlen ist vor dem Problem nicht gefeit: Unter den beanstandeten Tankstellen fanden sich sieben Stationen des polnischen Marktführers, der gerade in Deutschland 400 Tankstellen gekauft hat. Nach Auffassung von Orlen-Sprecher Pawel Poreba müssen deutsche Autofahrer nicht fürchten, dass das Pansch-Benzin zu ihnen herüberschwappt. „Wir kontrollieren jede unserer Stationen viermal im Jahr“, sagt Poreba, „dass nur so wenige Orlen-Tankstellen betroffen waren, beweist den Erfolg unseres Programms.“ Rund 30 Mill. Zloty (6,78 Mill. Euro) gebe Orlen jährlich für seine eigenen Qualitätskontrollen aus. Jetzt will der Konzern zusätzlich in die Offensive gehen: Künftig sollen Orlen-Kunden die Qualität des getankten Benzins selbst überprüfen. Dazu werden fahrbare Laboratorien an Orlen-Tankstellen in ganz Polen halt machen. Die Kunden können nach dem Tanken ein Sprit-Pröbchen ins Reagenzglas füllen und analysieren.

Es ist zu vermuten, dass diese Do-it-yourself-Kontrollen gut angenommen werden. Denn polnische Autofahrer müssen für die vom Pansch-Benzin verursachten Schäden häufig teuer bezahlen. So schlug die ruinierte Lambda-Sonde beispielsweise mit 150 Euro zu Buche - rund ein Viertel eines polnischen Durchschnittslohns. Und Kfz-Meister Grzegorz Szcztowski hatte für seine entnervte Kundin nur einen Rat parat: „Fahren Sie mehr Langstrecke. Das pustet den Dreck raus.“

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