Räthische Bahn
Stuttgart 21 auf schweizerisch

Die Rhätische Bahn in der Schweiz will den altersschwachen Albula-Tunnel durch einen Neubau ersetzen. Denkmal- und Umweltschützer wollen das verhindern. Sie haben viel Einfluss bei dem Projekt, weit mehr als im Schwabenland. Denn die Rhätische Bahn schmückt ein besonderer Titel: Sie ist Unesco-Welterbe.
  • 2

CHUR. Während der Konflikt um "Stuttgart 21" immer weiter eskaliert, macht sich in der Schweiz auch die Rhätische Bahn Sorgen um ein großes Infrastrukturvorhaben. Der fünf Kilometer Albula-Scheiteltunnel, zentrales Bauwerk im Graubündner Streckennetz zwischen Hochrhein und Engadin, ist nach hundertjähriger Betriebsdauer altersschwach geworden. Die Bahn will ihn durch eine parallele Neubauröhre ersetzen. Das aber könnten Denkmal- und Umweltschützer verhindern. Die haben viel Einfluss bei dem Projekt, weit mehr als im Schwabenland. Denn die Rhätische Bahn schmückt ein besonderer Titel: Sie ist Unesco-Welterbe.

Und dieser Titel verpflichtet. Viele traditionsbewusste Schweizer wollen aus Respekt vor dem Welterbe lieber die gemauerte alte eingleisige Röhre mit ihren kunstvollen historischen Tunnelportalen saniert und restauriert wissen. Dass die Rhätische Bahn die Weihen der Unesco erhalten habe, "erhöht die Sensibilität", mit der denkmalpflegerische Belange bei Verkehrsprojekten berücksichtigt werden, bestätigt ein Sprecher des Schweizer Bundesamtes für Kultur.

Eine Vorentscheidung fällt noch im Oktober. Dann will die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege in einem Gutachten eine Empfehlung aussprechen. Wie diese ausfällt, ob für oder gegen eine neue Betonröhre, mag niemand der Beteiligten vorhersagen.

Eine Restaurierung des bestehenden Albula-Tunnels, der von 1899 bis 1903 in 1.800 Metern Höhe, 1.000 Meter unter den Gipfeln gebaut wurde, ist für Erwin Rutishauser, den Chef der Rhätischen Bahn, eine erschreckende Vorstellung: Mehrere Jahre würde der Betrieb auf der wichtigen Magistrale Chur - St. Moritz durch die Sanierungs-Baustellen eingeschränkt oder gar unterbrochen - mit erheblichen Folgen für die Verkehrserschließung des berg- und talreichen Kantons und besonders für den Tourismus.

Mehr als drei Viertel der jährlich elf Millionen Fahrgäste sind Urlauber aus allen Welt. Der berühmte Glacier-Express passiert auf seiner Quer-Alpen-Fahrt von St. Moritz nach Zermatt genauso den Albula-Tunnel wie der Bernina-Express, der in diesem Jahr Jubiläum feierte und seit hundert Jahren an den Bernina-Gletschern vorbei über die Passhöhe hinunter bis ins italienische Veltlin rollt. Ein Geschäft, das blendend, mit zweistelligen Zuwachsraten läuft. "Es ist mir eine helle Freude, wie gut die Züge besetzt sind", sagt Rutishauser.

Die Albula-Strecke zu sperren - undenkbar für ihn. Deshalb will der Bahnchef in Chur die Alternative zur Tunnel-Sanierung durchsetzen und einen vollständigen Neubau nur 30 Meter neben der Altröhre entstehen lassen. Derweil könnten die Züge vorerst weiter im heutigen Tunnel fahren; so lange würde der noch halten. Und der mit 250 Millionen Schweizer Franken veranschlagte Neubau sei nur geringfügig teuer als die aufwendige Sanierung.

Seite 1:

Stuttgart 21 auf schweizerisch

Seite 2:

Kommentare zu " Räthische Bahn: Stuttgart 21 auf schweizerisch"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Schweizer werden sicher alles tun, um sich nicht ein bleibendes Loch in die Kniescheibe zu schießen. S21 mit den in dem Artikel vorgestellten Sachverhalt zu vergleichen stammt schon wieder aus der Kiste "Desinformation und Popagandalügen". Man will bestenfalls einen Tunnel durch einen Tunnel ersetzen und nicht das Verkehrsprinzip der Eisenbahn auf dubiose Weise durch den berg verändern und es ist klar, daß der eigentliche Wert der Angelegenheit in der Erhaltung der historisch gewachsenen Struktur und Substanz liegt und keiner macht den Versuch, die Zusammenhänge und den tatsächlichen Antagonismus zu verschleiern oder auf eine platte Weise lobbyfreundliche Tatsachen zu schaffen. Ferner ist klar: Die Schweizer werden keinesfalls leichtfertig Erreichtes (Weltkulturerbe-Titel und Attraktivität) aufs Spiel setzen und Maßnahmen mit menschenverachtender Polizeigewalt gegen die betroffenen der einen oder anderen Seite durchsetzen, darin sind sie vorbildliche Demokraten, von denen unsere selbstherrlichen Haudrauf-brutalpolitiker und der ebenso veranlagte Db-Konzernlenker etwas lernen könnten. Unvorstellbar, daß der Glacier-Express oder die Rätische bahn auf Gleisen und durch Tunnel fahren, deren Entstehung mit bewußt inkauf genommener Verstümmelung und Schädigung von Menschen in öffentlichen bewußtsein verankert wäre.
    in Deutschland "ist man da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt"...

  • Die größte Mondzahl sind die ständig steigenden Gesamtkosten von S21. Frau Ministerin Gönner möchte gerne die Oberlehrerin spielen. Mappus guckt zu und sag nichts. Der Ob Palmer aus Tübingen führt die Gegnerschaft gekonnt mit guten Argumenten an. Die bahn plant offensichtlich zuerst das "Haus" und denkt dann nach wie groß die "Zimmer" sein müssen. Es kommt zu Tage, dass die Güterverkehrsplanung hinten nach hinkt. Der Kopfbahnhof scheint für den gesamten Verkehrsfluss besser zu sein, als das Konzept S 21. Der unterirdische bahnhof ist platzmäßig eine Fehlplanung. Es herrscht ein verwirrendes Fahrplanspiel vor. Das ganze Pferd wird von hinten aufgezäumt. Ein besseres Konzept der Schweizer bahnen wird/kann angeblich nicht beachtet werden? Die Lobbyisten im bundesverkehrsministerium, die schon mal als Großbohrerfirma für den Untergrund vorsorglich gespendet haben, werden langsam nervös.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%