Ratan Tata: Der Superheld der indischen Unternehmer

Ratan Tata
Der Superheld der indischen Unternehmer

Bei seinem Sieg in der Übernahmeschlacht um den Stahlriesen Corus zeigte der sonst so zurückhaltende Chairman der Tata-Gruppe Zähne. Seitdem ist er zu Hause ein Superheld.

olm BOMBAY. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hat sich Ratan Tata gerade einen Traum verwirklicht. Statt ins Cockpit des Firmenjets setzte sich der leidenschaftliche Hobbypilot in eine F-16 und durchbrach im Himmel über Bangalore die Schallmauer. Das Bild des stilvoll ergrauenden Patriziers in Luftkampfmontur bringt eine Verwandlung auf den Punkt: Mit 69 Jahren wird Tata zum Überflieger unter Indiens Industriellen und schüttelt sein Image als konservativer Tycoon ab.

Integrationsrisiken kümmern den Inder so wenig wie die drastisch gestiegene Abhängigkeit des Konzerns von den unsteten Stahlpreisen. Sie sehen Tatas Griff nach dem industriellen Tafelsilber der einstigen Kolonialherren als Beleg, dass ihr Land endlich seinen gebührenden Platz in der Welt findet. Diese bekommt nach Lakshmi Mittal ihren zweiten indischen Stahlbaron.

Tata Steel kann einen fast viermal größeren Rivalen im Westen nur schlucken, weil der Chairman den Konzern radikal umgebaut und auf Gewinn getrimmt hat. 1991 hatte er die Zügel des verwucherten Imperiums von seinem Onkel übernommen. Er verkaufte, verschmolz oder schloss über 200 Gruppenfirmen. Tata Steel und Tata Motors verloren die Hälfte ihrer Belegschaften.

Vor dem Aufstieg an die Spitze hatte der studierte Architekt im Konzern nur Nebenrollen gespielt. Doch einmal am Steuer, entwickelte Tata eine Kämpfernatur, die dem medienscheuen Junggesellen wenige zugetraut hatten. „Wer mir eine Pistole an den Kopf setzt, muss abdrücken“, beschreibt er seine Standfestigkeit, „anders bekommt er mich nicht aus dem Weg.“ Tata bezeichnet sich als „unruhigen Menschen“. Aber er ist zu sehr Gentleman, um dies andere spüren zu lassen. Charme, Bescheidenheit, geschliffene Umgangsformen und eine Obsession mit Werten und Tradition machen ihn zum Aushängeschild von Indiens altem Unternehmer-Adel. Er verantwortet das größte Firmenerbe der Nation. Daran erinnert wird Tata jeden Morgen, wenn er an der Marmorstatue des legendären Gründers vorbeiläuft in ein nobles Gebäude im Kolonialstil, das „Bombay House“.

Jamsetji Tata legte den Grundstein des Unternehmens 1868. Es sollte neben Profiten Bausteine liefern für ein unabhängiges, modernes Indien. Der Nationalist trotzte den Kolonialherren das erste Wasserkraftwerk, Nobelhotel und Stahlwerk des Landes ab. Inzwischen kontrollieren seine Nachfahren kaum noch ein Prozent der Gruppe. Zwei Drittel sind in der Hand wohltätiger Stiftungen, den Rest halten Fonds. „Ich bin hier ein normaler Angestellter“, beteuert Tata mit typischem Understatement. Er könnte der letzte Chef sein, der den Namen des Konzerns trägt. Ein Nachfolger aus der Familie ist nicht in Sicht. Die Stiftungsstruktur sorgt indes dafür, dass die Gruppe Jamsetjis Ziel treu bleibt: Gewinne für einen guten Zweck erzielen.

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