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12.06.2008  | Aktualisiert 24.06.2008, 13:11 Uhr 
Marketing mit Klimaschutz

Recycling soll Kunden locken

von Christoph Schlautmann

Wer sich für das Klima einsetzt, hat einen guten Ruf. Das wissen auch die Investitionsgüterhersteller. Mit ihrem Kampf gegen Klimakiller und für Nachhaltigkeit wollen sie den Erfolg ihrer Marken nachhaltig stärken und Vertrauen bei ihren Kunden gewinnen.

Durch Recycling können Firmen CO2 sparen und Kunden gewinnen. Foto: APLupe

Durch Recycling können Firmen CO2 sparen und Kunden gewinnen. Foto: AP

KÖLN. Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden überraschend auch für deutsche Investitionsgüterhersteller zu einem beliebten Marketinginstrument. Nachdem der Spezialchemie-Konzern Lanxess bereits vor wenigen Wochen seine zehn Millionen Euro teure Lachgas-Reduktionsanlage in Betrieb genommen hat, die jährlich 1,5 Mill. Tonnen Klimagas einsparen soll, wirbt nun auch der börsennotierte Abfallrecycler Interseroh mit seiner CO2-Bilanz.

Das Kölner Unternehmen, das zuletzt mit 1 800 Mitarbeitern 1,75 Mrd. Euro umsetzte, hat vom Fraunhofer-Institut errechnen lassen, welche Kohlendioxid-Verringerung das Recycling von Abfällen bringt - mit erstaunlichen Ergebnissen: "Durch den Einsatz unserer Sekundärrohstoffe", berichtet Vorstandschef Johannes-Jürgen Albus, "verringerten sich die Emissionen im vergangenen Jahr um 5,2 Mill. Tonnen." Die entspräche - gerechnet nach dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland - dem CO2-Ausstoß einer Stadt wie Gelsenkirchen.

Besonders die Wiederaufbereitung von Aluminium stellt sich laut Fraunhofer-Institut als ausgesprochen klimaschonend heraus. Um eine Tonne Aluminium aus dem Primärrohstoff Bauxit zu gewinnen, müsse man als Abfallstoff 10,6 Tonnen Kohlendioxid in Kauf nehmen; wer dagegen Alt-Aluminium verwende, setze lediglich 0,7 Tonnen frei. Fachleute wie Jens Baganz, Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium, attestieren Interseroh: "Wir sind von den Ergebnissen überwältigt."

Mit dem Thema Nachhaltigkeit hofft auch der amerikanische Teppichboden-Hersteller Interface- Flor, ein Konzern mit 5 000 Mitarbeitern und rund einer Mrd. Dollar Umsatz, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Bislang blieb dieser dem Teppichfliesen-Anbieter nahezu verschlossen, weil Architekten hierzulande fast ausschließlich so genannte Bahnenware ordern. Das soll sich nun ändern: "Bei der Bahnenware ist der Verschnitt und damit der Abfall viel größer", argumentiert Verkaufsdirektor Dirk Boll.

Der US-Konzern mit seiner Niederlassung in Krefeld hat zudem den gesamten Betrieb auf nachhaltiges Wirtschaften ausgerichtet: Mit der Rücknahme alter Teppichböden, dem Recycling der Garne und einem umweltschonenden Energieeinsatz wirbt Interface-Flor um die Gunst der Architekten. Seit 1996 habe man den CO2-Ausstoß um 82 Prozent verringert. Die Strategie könnte den Amerikanern Erfolg bereiten. "Gerade bei Unternehmen der öffentlichen Hand dürfen Einkäufer fünf bis zehn Prozent höhere Preise zahlen, wenn dies ökologisch sinnvoll ist", berichtet Maximilian Gege, Vorstandschef der Unternehmensvereinigung Baum.

Ungewiss bleibt aber, ob positive CO2-Bilanzen auch Unternehmen wie Interseroh einen wirtschaftlichen Auftrieb verleihen. "Umweltorientierte Unternehmen werden an der Börse höher bewertet", zeigt sich Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Präsident des Wuppertaler Instituts für Klimaforschung, überzeugt. Entsprechend werde auch Interseroh die Fraunhofer-Ergebnisse für die Information des Finanzmarktes nutzen, kündigt Vorstandschef Albus an. Als Kaufinteressenten haben die Kölner dabei Fonds im Blick, die sich auf nachhaltig wirtschaftende Unternehmen spezialisiert haben.

Vom üblichen Handel mit nicht mehr benötigten CO2-Emissionsrechten bleiben die Kölner indes ausgeschlossen. Anders als Lanxess hat Interseroh diese Zertifikate nämlich erst gar nicht zugeteilt bekommen. "Wir prüfen das", sagt ein Vorstand.

Auch auf der Vertriebsseite gibt es für Interseroh noch allerhand zu tun. "Sobald unsere Kunden mit diesen Daten werben können, wird sich dies auszahlen", hofft Vertriebsvorstand Roland Stroese. Ob aber künftig Endprodukte in den Regalen mit einem CO2-Label gekennzeichnet werden, steht in den Sternen. Selbst ein eigens eingerichteter Arbeitskreis von WWF und Öko-Institut, an dem Firmen wie Henkel, Tchibo oder Tetra-Pak beteiligt sind, hat sich zu einer solchen Forderung noch nicht durchgerungen.

Anders in Großbritannien: Dort markiert Vorreiter Tesco bereits heute seine Orangensäfte, Glühbirnen, Kartoffeln oder Waschpulver mit dem "Carbon Footprint", einem Fußabdruck, auf dem die verbrauchte Menge CO2 vermerkt ist. Ob dies als Kaufanreiz im Supermarkt zählt, ist aber fraglich. Die Marktforschungsfirma Fien, Bentley, Neil fand heraus, dass 15- bis 26-Jährige - trotz aller Bekenntnisse zum Umweltschutz - den Kaufpreis als wichtigstes Kriterium werten. 26,3 Prozent von ihnen sehen das so - nur 0,9 Prozent war die Nachhaltigkeit am wichtigsten.

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