Regent Handtailored
Detlev Diehm: Das tapfere Schneiderlein

Vor wenigen Jahren stand die Herrenschneiderei Regent Handtailored vor dem Aus. Detlev Diehm wagte den Neuanfang. Heute produziert er wieder am teuren Stammsitz der Firma im fränkischen Weißenburg und verhalf der Traditionsmarke so zu ihrem Comeback.

Schon am Bahnhof ahnt man, dass hier etwas anders ist. Weißenburg, die mittelfränkische Kleinstadt in der Fototapetenidylle des Altmühltals, wirkt nicht nur ein wenig verschlafener als alle anderen Orte zwischen Ingolstadt und Nürnberg, sondern auch behüteter, ruhiger, abgeklärter. Im positiven Sinne: gemütlich. So etwas wie eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise scheint hier an diesem sonnigen Frühlingstag sehr weit weg zu liegen. Es gibt nur wenig, worüber man sich Sorgen machen müsste.

Detlev Diehm ist an diesem Nachmittag fast alleine in dem 50er-Jahre-Kastenbau seiner Firma. Seine Firma - das ist Regent, der einzige Herrenschneider, der noch in Deutschland und von Hand fertigt. Das Büro des Chefs wirkt nicht gerade einladend: Zweckmöbel und Neonröhrensystem an der Decke legen den (schnell bestätigten) Verdacht nahe, dass sich Diehm lieber in der Produktion aufhält, dort, wo die Anzüge entstehen, als an seinem Schreibtisch. Denn das ist das Verdienst von Detlev Diehm: In einer Zeit des Outsourcings und immer knapper kalkulierter Budgets hat Regent die Produktion aus Polen zurück nach Deutschland geholt, zusätzliches Personal eingestellt und den Preis erhöht. Das Seltsame: Regent reüssiert, hat Erfolg. Was vermutlich damit zusammenhängt, dass Diehm wie besessen an den Anzügen forscht. Materialien, Verarbeitung, Schnitt: Diehm versteht sich selbst nicht als Designer oder als Chef, eher als Ersten Schneider bei Regent.

Diehm ist hoch gewachsen, etwas schlaksig in seinen Bewegungen und wirkt viel jungenhafter, als es seine 44Jahre vermuten lassen. Seit 1994 arbeitet er bei Regent, zuerst gemeinsam mit einem Kollegen, später allein verantwortlich. Als er kam, bewegte sich die Firma auf die größte Krise ihrer Geschichte zu. Der Markt für teure Männermode hatte sich in den 90er-Jahren elementar verändert. Wer sich Gedanken über seine Garderobe machte und bereit war, mehr als 2 000 Mark für einen einzigen Anzug auszugeben, der kaufte sich lieber einen italienischen Anzug. Das war die eine wichtige Veränderung der Männermode. Die andere war, dass in immer weniger Büros überhaupt noch Anzug getragen wurde. Der Anzug, lange Zeit die Uniform des Bürgertums, verlor seinen Status.

Insgesamt eine denkbar schlechte Entwicklung für eine Firma, der durch jahrzehntelange Arbeit das Kunststück gelungen war, sich als Markenname deutscher Eleganz zu etablieren. 1946 von Henryk Barig und Michael Aisenstadt gegründet, wurden und werden die Anzüge von Regent von Politikern, Wirtschaftsbossen, Schauspielern und Sportlern getragen. Altkanzler Helmut Schmidt etwa besitzt Regent-Anzüge; 007-Darsteller Roger Moore ist Kunde, Franz-Josef Strauß war es selbstverständlich auch und Jürgen Schrempp trug ebenfalls Regent. "Regent hat, was viele andere Firmen vortäuschen: Ursprung und Tradition", sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer beim Deutschen Mode-Institut.

Das Unternehmen arbeitete seit jeher mit klassischen Herrenausstattern zusammen, die ihre Kunden und deren körperliche Eigenheiten - 95 Prozent aller Männer haben eine Hängeschulter - genau kennen. Durch Produktion auf Bestellung konnte Regent Kosten sparen und Qualität garantieren. Ein Modell, das in Zeiten des Aufschwungs in der Bundesrepublik bis in die 80er-Jahre hinein gut funktionierte.

Diehm machte damals sein Abitur in Augsburg. Im Gegensatz zu seinen Schulkameraden entschied er sich gegen ein Studium und für eine schlecht bezahlte Lehre mit unerhört viel Arbeit: Er wurde Schneider. "Meine Freunde haben nur gelacht, als sie davon gehört haben", erzählt er. Für 120 Mark im Monat, später 200 Mark, ging er im Atelier Steiner zur Lehre, damals einer der fünf besten Schneider Deutschlands: "Gibt es leider auch nicht mehr", sagt Diehm. Für ihn war es wichtig, bei jemandem zu lernen, bei dem er die alte Schule der Schneiderei lernen konnte. Nicht das Entwerfen als Modeschöpfer interessierte ihn besonders, sondern die Verbindung von Kreatitivtät und Handwerkskunst: "Ich habe nicht schon mit sechs Jahren Zeichnungen gemacht."

Seite 1:

Detlev Diehm: Das tapfere Schneiderlein

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%