Regionalflieger-Projekt Il-114
Russland will den Himmel zurückerobern

Zurück in die Zukunft: Russland hofft auf eine Wiederbelebung seiner stolzen Luftfahrtindustrie. Neben dem Superjet 100 wird nun ein weiteres Projekt ausgegraben. Die Il-114 ist erstmals schon zu Sowjetzeiten abgehoben.
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MoskauSeit zwei Jahrzehnten ist der Markt für Passagierflugzeuge weitgehend aufgeteilt. Bei den Langstreckenfliegern sind Airbus und Boeing die Alleinunterhalter, lediglich bei den kleineren Regionalflugzeugen, also Maschinen mit bis zu 130 Passagieren und einer Reichweite von bis zu 3000 Kilometern, gibt es ein wenig Konkurrenz: Die kanadische Bombardier, die brasilianische Embraer und die französisch-italienische ATR besetzen hier hartnäckig ihre Marktanteile.

Ein weiterer Mitbewerber schickt sich an, mitzuspielen: In dieser Woche absolvierte der japanische Mitsubishi Regional Jet (MRJ) seinen Jungfernflug. Nun will auch Russland, bekannt durch die noch aus sowjetischer Zeit stammenden Iljuschin (Il), Tupolew (Tu) oder Jakowlew (Jak), den Markt aufmischen.

Bisher ist der Erfolg bescheiden. Für den vor vier Jahren mit großem Getöse eingeführten Sukhoi Superjet 100 gibt es derzeit etwas mehr als 200 feste Bestellungen. Ein Großteil davon stammt von der einheimischen mehrheitlich staatlichen Aeroflot – insgesamt 50, wovon 20 schon ausgeliefert sind. Der Anteil von Airbus- (über 100 Stück) und Boeing-Maschinen (25) ist freilich selbst bei Aeroflot größer. Um den Verkauf des Superjets anzukurbeln wurde in diesem Jahr eine russisch-chinesische Leasinggesellschaft gegründet.

Nun hat die russische Regierung ein weiteres Projekt im buchstäblichen Sinne ausgegraben: Ein Regionalflugzeug aus dem Konstruktionsbüro Iljuschin, die Il-114, soll nach längerem Stillstand auf den neuesten Stand gebracht und dann produziert werden. Als die Il-114 im März 1990 ihren Jungfernflug antrat, stand die Sowjetunion kurz vor dem Zerfall. Das Geld für Neuentwicklungen wurde selbst in der Luftfahrt knapp – umso mehr für zivile Projekte.

Die fehlende Finanzierung führte zu Verzögerungen: Erst 1997 gab es die Fluglizenz, seither wurden lediglich 18 flugtüchtige Maschinen gefertigt – im auch damals schon von Moskau unabhängigen Usbekistan. 2012 wurde die Produktion in Taschkent eingestellt.

Diese Woche folgte eine überraschende Wendung: „Die Anweisungen zur Entwicklung eines Kurzstreckenflugzeugs auf Basis der Il-114 sind gegeben. Die Produktion wird in Nischni Nowgorod aufgebaut“, twitterte Vizepremier Dmitri Rogosin.

Das russische Staatsfernsehen überschlägt sich bereits mit Lobeshymnen. Mit 16 bis 17 Millionen Dollar soll die Il-114 deutlich billiger sein als die Konkurrenz in Form des ATR-72 (25 Millionen) oder der Dash 8 von Bombardier (35 Millionen Dollar). Auch im Unterhalt sei die 64-sitzige Maschine günstiger, rechnet der Sender vor: 590 Kilogramm Treibstoff pro Flugstunde, bei der ATR sind es 800 Kilogramm, bei der Dash 8 gar 2600 Kilogramm. Tatsächlich ist die Aerodynamik der Iljuschin sehr effizient, freilich ist die Rechnung aber nicht ganz ehrlich: ATR-72 und Dash 8 nehmen schließlich mehr Passagiere mit.

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  • Nach meinem Wissen liegen knapp 500 Bestellungen vor siehe:
    https://ru.wikipedia.org/wiki/Sukhoi_Superjet_100
    In der deutschen Auflistung auf Wikipedia fehlen alleine die 100 von China bestellten Exemplare. Selbst bei der englischsprachigen Wikipedia sind es 358 und dort fehlen ebenfalls die 100 Exemplare aus China.
    https://en.wikipedia.org/wiki/Sukhoi_Superjet_100

    Bei diesen Daten sieht die Sachlage schon ganz anders aus.

  • "Vielleicht haben die europäischen Sanktionsbefürworter diesen Effekt in ihre Überlegungen mitberücksichtigt und Russland somit bewusst den Rücken gestärkt, als sie im Schulterschluss mit der amerikanischen Politik die Sanktionen beschlossen."

    Ich traue - mit Verlaub - keinem Einzelnen dieser Befürworter auch nur annähernd solch einen Gedanken zu. Denn dafür benötigt man Überblick, Weitsicht, Wissen und Erfahrung. Und genau das fehlt diesen Machthabern.

  • Sanktionen haben immer gewisse Nebeneffekte für den Sanktionsbeschwerten, z.B. diese, sich auf eigene Stärken und Kompetenzen zurück zu besinnen und neu auszubauen

    Vielleicht haben die europäischen Sanktionsbefürworter diesen Effekt in ihre Überlegungen mitberücksichtigt und Russland somit bewußt den Rücken gestärkt, als sie im Schulterschluss mit der amerikanischen Politik die Sanktionen beschlossen.

    Folgeabschäztung sollte eigentlch zur normalen Aufgabestellung jedes politischen Handelns gehören, wenn man es mit intellligenten Politikern zu tun hat.

    Ob Europa intelligente Politiker in ausreichender Zahl an verantwortlicher Stelle besitzt, ist eine andere Frage.

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