Rekordverlust zu erwarten
Mulally rechnet Ford arm

Ford steuert auf einen Rekordverlust zu. Bereits in den ersten neun Monaten verzeichnet der US-amerikanische Autobauer ein Minus von 7,1 Milliarden Dollar. Doch das ist eigentlich nicht verwunderlich. Hinter den schlechten Zahlen versteckt sich eine beliebte Strategie neuer Konzernchefs.

hof FRANKFURT. Der zweitgrößte US-Autohersteller, Ford, bewegt sich im laufenden Jahr auf einen zweistelligen Milliarden-Verlust zu. Hohe Kosten für die Sanierung und Absatzprobleme in den USA ließen das Minus allein im dritten Quartal auf 5,8 Mrd. Dollar ansteigen. Nach neun Monaten summiert sich der Verlust bereits auf 7,1 Mrd. Dollar. Der neue Ford-Chef Alan Mulally, der offiziell seit Monatsanfang an der Spitze des Konzerns steht, bezeichnete das Ergebnis als „eindeutig inakzeptabel“.

Ford steuert damit auf das schlechteste Jahr seiner Unternehmensgeschichte zu: Das Krisenjahr 1992 schloss Ford mit einem Verlust von 7,4 Mrd. Dollar ab, vor der letzten großen Sanierungsrunde des Autoherstellers 2001 betrug der Jahresverlust 5,4 Mrd. Dollar. Analysten vermuten nun, dass Ford auch im vierten Quartal deutliche Verluste erleiden wird. Denn Mulally werde versuchen, den Löwenanteil der Sanierungsbelastungen noch in diesem Jahr zu verbuchen, heißt es.

Mulally selbst lässt keinen Zweifel daran, dass er hart durchgreifen will. „Unsere Priorität ist es, aggressiv zu restrukturieren“, betonte er bei einer Telefonkonferenz. Auch Finanzchef Don Leclair deutete an, dass Ford im laufenden Quartal ein noch schwächeres operatives Geschäft als im gerade abgelaufenen Vierteljahr erwartet. Die Kostensenkungen aus dem geplanten Stellenabbau werde Ford erst 2007 spüren, sagte er.

Damit folgt der Ex-Boeing-Manager Mulally, der das Ruder von dem erfolglosen Gründer-Urenkel Bill Ford übernommen hat, einem gängigen Muster bei Führungswechseln. So hatte beispielsweise auch Ex-Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp gleich nach seiner Berufung an die Daimler-Benz-Spitze möglichst viele Risiken in die erste Bilanz gebucht, um bereits im Folgejahr deutliche Verbesserungen zeigen zu können. Die Strategie bescherte Daimler-Benz 1995 einen Rekordverlust von etwa 2,9 Mrd. Euro.

Mulally, der seine Sanierungsqualitäten bereits bei Boeing unter Beweis gestellt hat, steht vor einer Herkules-Aufgabe. Nach einer dramatisch gesunkenen Nachfrage nach Geländewagen und Pick-ups, die bisher fast drei Viertel des US-Absatzes von Ford ausmachten, muss er den Konzern vor allem in Nordamerika schnell gesundschrumpfen. Die Restrukturierung wird voraussichtlich insgesamt 44 000 der derzeit 130 000 US-Beschäftigten den Job kosten, davon etwa 30 000 in der Produktion. Neun Werke will Mulally schließen, um die jährlichen Kosten um fünf Mrd. Dollar zu senken. Bis 2008 will der neue Ford-Chef die Maßnahmen abgeschlossen haben, um im Folgejahr wieder schwarze Zahlen zu liefern.

Dabei will Mulally nicht bei den Entwicklungskosten sparen. „Unser Fokus muss sich darauf richten, bei geringerem Absatz profitabel zu arbeiten und die Entwicklung neuer, sparsamerer Modelle zu beschleunigen“, kündigte er an. Der Autohersteller muss seine Angebotspalette rasch auf das veränderte Nachfrageverhalten der US-Käufer einstellen, die sich auf Grund hoher Treibstoffpreise immer zahlreicher für Sprit sparende PKWs entscheiden. Dieses Segment hatte Ford wie der ebenfalls kriselnde Konkurrent General Motors, der am Mittwoch sein Quartalsergebnis vorstellt, weitgehend den Wettbewerbern aus Asien und Europa überlassen.

Die Technologie dafür könnte sich der Konzern in Europa holen, wo Ford solche Modelle bereits erfolgreich vertreibt. Auch bei der Sanierung sind die Europäer der amerikanischen Mutter weit voraus. Während Ford mit dem Verkauf von Autos in Nordamerika in diesem Jahr bereits 3,2 Mrd. Euro Verlust erzielt hat, verdiente Ford Europa im selben Zeitraum immerhin 180 Mill. Dollar. Probleme muss Mulally allerdings nicht nur im operativen Bereich lösen. Wie bereits zuvor der Konkurrent GM hat nun auch Ford angekündigt, seine Bilanzen rückwirkend korrigieren zu müssen. Die Zahlen werden bis zum Jahr 2001 nachgerechnet und neu ausgewiesen. Ford begründet dies damit, dass Zinsderivate neu bilanziert werden müssten. Auswirkungen auf die Barmittel habe dies jedoch nicht, so der Konzern.

Die Börse reagierte nur wenig. Die Ford-Aktie, die Ende Juli mit weniger als 6,20 Dollar auf den niedrigsten Stand seit 14 Jahren gefallen war und sich seither wieder etwas erholt hatte, notierte am Nachmittag bei Kursen um die 7,86 Dollar leicht im Minus. Denn ohne die Sonderbelastungen durch Wertberichtigungen und den Stellenabbau von rund 4,6 Mrd. Dollar entsprach der operative Verlust von 1,2 Mrd. Dollar im dritten Quartal ziemlich genau den Erwartungen der Analysten. Doch die Grundstimmung bleibt skeptisch: „Auf lange Sicht kann Ford vielleicht eine interessante Sanierungsgeschichte liefern, aber dafür ist es im Moment einfach noch zu früh“, glaubt Analyst Himanshu Patel von JP Morgan.

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