Rendite-Check
Mittelstand schlägt Großkonzerne

Ein Familienunternehmen aus Bayern besiegt die Elite der deutschen Industrie. Ob Daimler oder BMW, Siemens oder SAP - gegen einen Newcomer aus Süddeutschland hatten sie alle keine Chance.

DÜSSELDORF. Wacker Chemie aus München ist das renditestärkste Unternehmen unter den Aktiengesellschaften Deutschlands. Für den mittelständischen Konzern zahlt sich damit das neue Geschäftsfeld Silizium für Solarindustrie aus. Das zeigt der Handelsblatt Firmencheck für das Geschäftsjahr 2007.

Dass mit Wacker Chemie ein Unternehmen die Rangliste anführt, das einen Großaktionär besitzt, ist kein Zufall. Bei neun der zehn Spitzenwerte halten freie Aktionäre nicht einmal 50 Prozent der Anteile.

Für Thomas Kautzsch von der Beratungsfirma Oliver Wyman ist dies ein Beleg, dass "große Shareholder oft für Rendite und Effizienz sorgen". "Börsennotierte Unternehmen mit breit gestreutem Aktienbesitz leiden dagegen oft unter schlechter Governance", sagt Kautzsch. Das Handelsblatt-Rendite-Ranking entsteht in Zusammenarbeit mit Oliver Wyman und dem Institut für Wirtschaftsprüfung (IWP) an der Universität Saarbrücken. Unter Leitung des Wirtschaftsprofessors Karlheinz Küting analysiert das IWP jährlich die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage der 127 Industrie-, Handels- und Dienstleistungskonzerne aus den Börsensegmenten Dax, MDax, SDax und TecDax. Das IWP vergibt Bewertungspunkte und fasst alles zu einem Gesamtranking zusammen.

Für Küting zeigt sich im diesjährigen Ranking wie nie zuvor, dass Größe allein kein Garant für höchste Rentabilität ist. Im Gegenteil: Abgesehen von SAP auf Platz zwei taucht erst an 25. Stelle mit BASF ein weiterer Dax-Konzern auf.

Lange Zeit setzte der Softwarekonzern SAP die Maßstäbe in der Rentabilität. Jetzt aber liegen die Walldorfer nicht mehr an der Spitze und sind noch dazu umringt von einer bunten Riege mittelgroßer Firmen aus MDax, SDax und TecDax. Und die haben alle eines gemeinsam: einen dominierenden Großaktionär.

Noch im Vorjahr gab es mit dem Pharmakonzern Merck einen weiteren Dax-Kandidaten in den Rubriken "außergewöhnlich" und "überdurchschnittlich" ertragsstark. Diesmal liegt die Spitzengruppe der Renditejäger ohnehin deutlich unter dem Niveau der jüngeren Vergangenheit. "Und das in einem Jahr", sagt Bilanzexperte Küting, "in dem die Konjunktur boomte." Nur drei Konzerne erreichen die Auszeichnung "außergewöhnlich".

In früheren Rankings waren es zehn bis 15 Konzerne in der Spitzengruppe. Diesmal dominiert ein breites Mittelfeld. Fast die Hälfte der 127 Firmen ist nur "Durchschnitt".

Der neue Spitzenreiter Wacker Chemie, ein Unternehmen, das sich noch zu mehr als 50 Prozent im Besitz der Familie befindet, profitiert vor allem von der Siliziumtechnologie. Der Boom für Solarzellen spült dem Münchener Unternehmen hohe Anzahlungen der Kunden in die Kasse. Deshalb konnte der Cash-Flow auf 1,3 Mrd. Euro fast verdoppelt werden - bei nur 3,8 Mrd. Euro Umsatz.

Auf Anhieb schaffte es Börsenneuling Hamburger Hafen in die Topliga der Renditejäger. Den vierten Platz hinter SAP und dem Brillenfilialisten Fielmann hat sich das "Tor zur Welt" unter anderem durch eine starke Gesamtkapitalrendite (ROI) von 20 Prozent erkämpft. Unschlagbar auf diesem Gebiet scheint allerdings der Kücheneinrichter Rational: Das süddeutsche Unternehmen, an dem die Gründerfamilie 72 Prozent der Aktien kontrolliert, weist stolze 50 Prozent Kapitalrendite aus.

Kontrastprogramm Premiere

Das Kontrastprogramm dazu bieten Unternehmen wie Premiere. Der Bezahlsender verbrennt Millionen. Allein im vergangenen Jahr sind 34 Mill. Euro an Cash ab- und nicht zugeflossen. Dass der Münchener Sender dies nach diversen Krisen überhaupt durchhält, liegt nur an seiner noch immer üppigen Ausstattung mit Eigenkapital (eine Mrd. Euro).

Ähnlich sieht es beim Chiphersteller Infineon aus. Dank 5,3 Mrd. Euro Eigenkapital sind 300 Mill. Euro Jahresverlust zu verkraften. Immerhin generiert die ehemalige Siemens-Tochter 1,2 Mrd. Euro operativen Cash aus dem laufenden Geschäft. Abgerutscht sind hingegen die Hoffnungsträger des Vorjahres aus der Solarbranche. Zwar boomt die Solarbranche angesichts explodierender Preise für traditionelle Energieträger wie Öl oder Kohle. Doch das schnelle Wachstum bereitet zum Teil wegen nötiger und teurer Investitionen in Produktionskapazitäten erhebliche Probleme.

Q-Cells und Solarworld - vormals ganz vorne in der Spitzengruppe des Handelsblatt-Firmenchecks vertreten - müssen sich jetzt mit den Positionen 17 und 12 zufriedengeben. Auch die Konkurrenten Ersol, Solon und Conergy konnten ihr Ranking nicht halten. Q-Cells etwa musste sich zur Finanzierung seiner Expansion frisches Kapital besorgen, die langfristigen Schulden kletterten von 76 Mill. auf 553 Mill. Euro. Das bedeutete den Abschied von Superrenditen. Q-Cells verlor wertvolle Punkte im Ranking. Conergy scheiterte dagegen an seinem eigenen Management. Die Firma schrieb 2007 tiefrote Zahlen - passend zum letzten Platz im Firmencheck.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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