Report: Die Schweigegeld-Erpresser
Ich weiß, was du getan hast

Wer Schmiergeld zahlt wie bei Siemens, macht sich zugleich erpressbar: Dunkelmänner setzen immer mehr deutsche Unternehmen unter Druck, Schweigegeld zu zahlen. Doch die Staatsanwaltschaft hat oft Probleme, die Erpresser aufzuspüren. Deutschland, einig Bakschisch-Land?

KÖLN. Die Täter waren höflich. Etwas unkonzentriert hatte Mark Schliemann* an diesem Sommertag 2006 die Post geöffnet, zuerst fiel ihm nichts Ungewöhnliches auf. „Sehr geehrter Herr“, lautete die Anrede in dem vierseitigen Brief. Und förmlich korrekt verabschiedeten sich die Unterzeichner „mit freundlichen Grüßen.“

Das, was zwischen diesen Zeilen lag, erschien Schliemann, Chef eines großen deutschen Finanzdienstleisters, dann aber doch etwas seltsam. „Recherchen“ über Geschäftspraktiken seines Unternehmens, schrieben da zwei Personen mit unleserlicher Unterschrift, hätten interessante Details über „Geldwäsche“ und „Betrug“ zu Tage gefördert. Die würden sicherlich auch „Journalisten“ interessieren, ebenso wie Aufsichtsbehörden und die Staatsanwaltschaft. Und dann die verschlüsselte Botschaft: Vorab wolle man dem Unternehmen aber die Möglichkeit geben, „Stellung zu beziehen.“

Wer die Unterzeichner waren und was genau sie wollten, stellten Schliemann und der vom Konzern eingeschaltete Rechtsanwalt ein paar Tage später bei mehreren konspirativen Treffen fest. Der Mann und die Frau aus dem Ruhrgebiet arbeiteten in gutbürgerlichen Berufen, waren aber offenbar auch auf anderem Gebiet Profis. Bei der ersten Zusammenkunft auf dem Düsseldorfer Flughafen war zunächst nur von einem „Beratervertrag“ die Rede – für den richtigen Umgang mit der Presse. Beim zweiten Treffen wurde es dann konkret. Honorarforderung: eine halbe Million Euro.

Hartmut Panke* legt seine Brille auf den Tisch und schaut herausfordernd. „Unglaublich, oder?“ Er ist der Anwalt, der den Fall damals betreut hat. Neben seiner Brille liegen einige solcher Erpresserschreiben. Seinen Name will er nicht in der Zeitung lesen, bitte auch keine Personenbeschreibung – der Mandant könnte seine Offenheit krumm nehmen. Denn völlig aus der Luft gegriffen waren die Vorwürfe des Pärchens nicht.

Pech für die beiden, dass Panke selbst kein Anfänger mehr war. Er ließ das Treffen von Detektiven überwachen, nun ist die Staatsanwaltschaft am Zug. Ein typischer Fall, sagt Panke. „So läuft das oft ab.“

„Das“ nennt sich im Juristendeutsch Erpressung – und hat in deutschen Konzernzentralen mittlerweile einen bekannten Klang. Immer häufiger gehen Kriminelle dazu über, Unternehmen zu bedrohen – weil die ihrerseits tatsächlich oder vermeintlich Verfehlungen begangen haben.

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