Reportage
Ratlose Opelaner stehen im Regen

Das war ein Schock für Tausende Opel-Mitarbeiter, als sie am Mittwoch die Nachricht vernommen haben, dass GM Opel behalten will. Ein Stimmungsbericht aus dem Bochumer Werk.

BOCHUM. Kalt, regnerisch, ein Scheißtag. Keiner will hier draußen rumstehen an diesem Mittwoch. Nicht der Betriebsratschef, nicht Hans-Joachim Ditsche. Ditsche ist früh gekommen, der Anfahrtsweg aus Dortmund, die vielen Baustellen, nun steht er neben seinem Zafira, dicht geparkt neben dem Tor des Opel-Werks I in Bochum, und redet und raucht. Seit 1988 steht er bei Opel am Band, zuständig für das Zusammenführen von Karosserie und Fahrwerk. „Hochzeit nennen wir das.“ Und nun? Noch Hoffnung? „Was weiß ich denn.“

Auch er hat es aus dem Radio. Heute Morgen. General Motors sagt den geplanten Verkauf von Opel ab, geplatzt ist die sicher geglaubte Vermählung mit Magna. „Das war doch von langer Hand geplant“, sagt Ditsche. Ein tiefer Zug auf Lunge. „Erst noch mal sehen, was man aus der Belegschaft so rausquetschen kann.“ Und dann?

Dann absagen.

Die Politik ist entsetzt, allen voran NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Im Mai 2010 ist Landtagswahl, die Rettung von Opel war ein Baustein seines Images als Arbeitnehmervertreter in der Union. Nun muss er heute hier in Bochum anrücken, zum Protest. Die Entscheidung von GM? „Völlig inakzeptabel“, hat er bereits verlauten lassen. Und, natürlich: Die Landesregierung werde weiter für Opel und Bochum kämpfen.

Was Rüttgers sein Bochum, das ist für die neue Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht, ihr Eisenach („ein Tiefschlag“), für den Hessen Roland Koch sein Rüsselsheim („sehr betroffen und verärgert“) und den Pfälzer Kurt Beck sein Kaiserslautern („eine Zumutung für die Beschäftigten“). Nach der GM-Entscheidung stehen nun wieder alle Opel-Werke in ganz Europa auf dem Prüfstand, auch die vier deutschen Standorte. Insgesamt arbeiten für Opel in Europa knapp 55 000 Menschen, Deutschland ist mit etwa 24 500 Mitarbeitern der größte Standort. Zweitgrößtes Werk ist Bochum mit rund 5 300 Mitarbeitern. In Bochum rollen Astra und Zafira vom Band.

Rainer Einenkel, der Betriebsratschef, ist schon vorher rausgekommen, für Interviews. „Diese Hängepartie zehrt schon an den Nerven“, sagt er. Aber nein, man gebe die bisherige Haltung nicht auf. Keine Werksschließungen, keine betriebsbedingten Kündigungen. Und die Stimmung unter den Kollegen? „Jetzt geht sie runter, sie wird aber auch wieder raufgehen“, sagt Einenkel. „Die haben doch gar keine andere Chance.“ Er meint: als Autos zu bauen und zu hoffen.

Und dann strömen sie herein und hinaus, ein steter Fluss der Ratlosigkeit. „Der Todesstoß“, sagt ein türkischer Arbeiter. „Ach, ob Russen oder Amis“, sagt ein anderer. „Ohne Bochum können die nicht.“

Jedenfalls wollen sie sich nicht stumm ihrem Schicksal ergeben. In Deutschland rufen die Betriebsräte und Gewerkschaften die Opelaner ab heute zu Warnstreiks auf. „Die Veranstaltungen beginnen in Deutschland und werden sich auf ganz Europa ausdehnen“, sagt Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz. Doch ob dabei etwa die Kollegen der britischen Schwestermarke Vauxhall oder die Opelaner in Polen mitziehen, die die Entscheidung von GM ja begrüßen, erscheint fraglich.

In Bochum sitzt Hans-Joachim Ditsche mittlerweile drinnen, am Band. Routiniert sorgt er dafür, dass zusammenfindet, was zusammengehört. Draußen diskutiert derweil ganz Deutschland, warum eine andere Hochzeit so kläglich gescheitert ist.

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