Reportage
Siemens – ein amerikanisches Unternehmen

In Washington kämpfen Lobbyisten für die bedrohten Interessen deutscher Unternehmen. Mit vorne dabei: 20 Männer und Frauen des Münchener Weltkonzerns Siemens, für den mehr als 70 000 Menschen in 164 Standorten für die US-Tochter arbeiten. Eine Handelsblatt-Reportage.

Erfolg braucht nicht viel Worte. „Sollte in diesem Land einmal das Telefonsystem kollabieren“, beginnt der Mann mit dem großen Schnauzbart, lehnt sich an die Wand und macht ganz große, blaue Augen, „dann würde als Erstes natürlich das Weiße Haus wieder hochgeschaltet. Danach kommt das Verteidigungsministerium. Nummer drei auf der Liste aber, das sind wir.“

Rich Kleylein, der hoch aufgeschossene, schnauzbärtige Systemmanager, begrüßt nicht jeden Tag Gäste. Denn in der Regel ist das technische Herzstück des Siemens-Campus in Malvern nahe Philadelphia fast hermetisch verschlossen, zu sensibel ist der Datenbestand. Wenn aber Besuch kommt, dann weiß Kleylein um die prompte Reaktion auf diese drei Sätze: Staunen.

Der Mann übertreibt nicht. Siemens, dieser Inbegriff deutscher Ingenieurstugend, verwaltet und pflegt in den Mega-Computern seines medizinischen Rechenzentrums mit die wichtigsten Informationen der Amerikaner überhaupt: die Kerndaten von 1 200 US-Kliniken und Gesundheitsinstitutionen. Egal ob Patientendaten, Medikationen, Operationen, Rechnungen – frag nach bei Siemens Med in Malvern.

Für den Weltkonzern aus München ist das Rechenzentrum in den USA aber weitaus mehr als ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Die Computer in Malvern sind zugleich auch ein dickes Pfund in der Hand der hauseigenen Lobbyisten. Denn ausländische Unternehmen haben es in den Staaten zunehmend schwer, bei der Vergabe sensibler Infrastruktur-Aufträge berücksichtigt zu werden. Je amerikanischer deshalb ein Unternehmen daherkommt, umso besser. Und deshalb gehört Lobby-Arbeit in Washington dazu: 50 000 Lobbyisten arbeiten in der US-Hauptstadt.

Nicht nur für Siemens, sondern auch für viele andere europäische Konzerne steht in den USA zurzeit viel auf dem Spiel. Im Senat liegt ein Gesetzentwurf, der scharfe Investitionskontrollen gegen ausländische Firmen plant, über ein knappes Dutzend ähnlich ausgerichteter Vorhaben berät das Repräsentantenhaus, erklärt besorgt die Bundesagentur für Außenwirtschaft in Köln. „Sollte eines dieser Gesetze durchgehen, wäre das ein echtes Problem“, sagt George Nolen, Chef der Siemens Corp. in den USA.

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