Repower
Windiges Pokerspiel mit Zaunkönig

Das deutsche Übernahmerecht zieht den Bieterkampf um Repower in die Länge und könnte am Ende noch für eine dicke Überraschung sorgen. Denn innerhalb der Nachfrist im Bieterwettstreit zwischen der französischen Areva und der indischen Suzlon könnte noch Einiges passieren.

FRANKFURT. Bei Vogelfreunden steht er in dem Ruf, schlau und listig zu sein. Die Rede ist vom Zaunkönig, dem in Europa verbreiteten Singvogel. Dass nun ein Exemplar dieser Gattung eine wichtige Rolle in einem Pokerspiel übernimmt, das seinesgleichen sucht, mag irritieren. Doch am Ende ist es tatsächlich der Zaunkönig – oder besser gesagt, eine nach ihm benannte Regel im deutschen Übernahmerecht, die den Bieterwettstreit zwischen der französischen Areva und der indischen Suzlon um den Hamburger Windanlagen-Hersteller Repower entscheiden wird.

Die Regel besagt, dass ein Aktionär seine Anteile einem Bieter innerhalb von zwei Wochen nach Ablauf der offiziellen Angebotsfrist andienen muss, wenn er denn verkaufen will. Der Vergleich mit dem gefiederten Sangeskünstler ist treffend. Schließlich zählt es zu den Eigenarten der Zaunkönige, dass die Männchen mehrere Nester bauen, das Weibchen sich dann das geeignetste aussucht. Damit auch die etwas trägeren Weibchen respektive Aktionäre die wichtige Nestwahl nicht verpassen, hat der Gesetzgeber die Zaunkönigregel geschaffen.

Nun gehört es bei Übernahmen längst zu den Usancen, dass die institutionellen Investoren stets erst gegen Ende einer Übernahmefrist tendern, also ihre Papiere anbieten. Und eigentlich scheint die Sache auf den ersten Blick sowieso recht klar zu sein, bietet Suzlon doch 150 Euro je Aktie, Areva nur 140 Euro.

Doch das ist ein Trugschluss. Denn im Fall Repower kommt eine Facette hinzu, die es so in der deutschen Übernahmegeschichte noch nicht gegeben hat. Da Areva eine Mindestgrenze für die Annahmequote fallen gelassen, Suzlon nie eine solche vorgegeben hat, sind beide Offerten gültig, unabhängig davon, wie viele Aktionäre sich für die eine oder andere entscheiden.

Wer sich aber als Aktionär in der Nachfrist für Areva oder Suzlon entscheidet, kommt aus seinem „Tender“ nicht mehr heraus, da der Gesetzgeber ein Rücktrittsrecht in einem solchen Fall nicht vorsieht.

Nun kann innerhalb der Nachfrist aber noch Einiges passieren. Zwar können die beiden Bieter ihre Angebote de facto nicht mehr verändern. Doch es gibt ein Hintertürchen. Einer der Bieter, zum Beispiel Areva, könnte an der Börse weitere Aktien zukaufen, mit der Folge, dass auch den anderen Aktionären der dabei bezahlte Preis geboten werden muss. Wer also zu früh getendert hat und an seinem Angebot hängt, kann schnell der Gelackmeierte sein.

Für die professionellen Anleger wie etwa Hedgefonds – sie sollen mittlerweile bis zu 38 Prozent der Repower-Papiere halten – ist das eine ideale Spielwiese. Ganz dem Verhalten des Zaunkönigs folgend, können sie wieselflink durch das Gehölz huschen und die Parteien in Gesprächen hinter den Kulissen gegeneinander ausspielen. Das ist eine Sache, die der Gesetzgeber so sicherlich nicht im Sinn gehabt hat.

Auf alle Fälle steht schon heute fest: Bis zum Ende der Übernahmefrist am morgigen Freitag wird sich nichts entscheiden. Auch wenn die Banken am kommenden Dienstag oder Mittwoch über den Erfolg der Offerten berichten, wird das Rennen so offen sein wie bisher: Suzlon wird mit der portugiesischen Martifer wohl rund 33 Prozent an Repower halten, Areva etwa 31 Prozent.

Die Hedgefonds werden auf jeden Fall bis zum allerletzten Tag pokern. Gesetzt den Fall, die Nachmeldefrist begänne am 10. Mai, könnte das der 24. Mai sein. Für die Zaunkönige ist das zwar ein eher später Termin für die Nestwahl. Doch mit etwas Geduld kann die Brut auch dann noch reichlich werden – das jedenfalls berichten die Vogelfreunde.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%