Retro-Marken
Von Sunkist und Leckmuscheln

Sie waren Stars, die jeder kannte. Doch irgendwann verschwanden sie oder standen kurz vor dem Aus. Nun sind Namen wie Agfa, Hertie, Ahoj-Brause oder Tri Top zurück. Clevere Gründer und Mittelständler nutzen die Strahlkraft der Retro-Marken.
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Einige wichtige Fragen sind noch zu klären: Wo gibt es Leckmuscheln? Kennt noch irgendjemand Moha-Eis? Und was ist eigentlich aus Sunkist, dem dreieckigen Getränkekarton, geworden? Fragen, über die Moerchen, Mrs Beasley oder anton1964 im Internetforum » www.70er-80er.de ausgiebig diskutieren.

Im realen Leben sind die Chatter zwischen Mitte 30 und Mitte 40, wie rund 14 Millionen andere Deutsche auch. Damals, zu Zeiten von Moha-Eis und Sunkist, waren sie Kinder der Siebzigerjahre. Heute sind sie Erwachsene, die sich auf Partys zu vorgerückter Stunde über ihre Lieblingsserien von früher auslassen und in der Erinnerung kramen, was eigentlich aus Adam geworden ist, dem Bruder von Hoss und Little Joe aus "Bonanza". Die von den Bonanza-Rädern ihrer Kindheit schwärmen und schließlich noch die Eissorten aus jener Zeit begeistert repetieren: Capri, Brauner Bär, Dolomiti, Ed von Schleck. "Brauner Bär und Capri gibt es ja wieder, Brauner Bär schmeckt aber nicht mehr so nach Karamell wie früher", ruft einer in die Runde.

Die Lieblingsprodukte von früher sind eben immer noch gefragt, die potenziellen Käufer zahlreich. "Das ist vor allem für Gründer und Mittelständler eine große Chance", sagt Jens Lönneker, Geschäftsführer des Kölner Marktforschungsunternehmens Rheingold. Zum einen haben viele der Marken eine ungebrochene Strahlkraft für die kaufkräftige Zielgruppe der Generation "35 Plus". Zum anderen sind die Markenrechte in vielen Fällen durchaus erschwinglich. "Brachliegende Marken sind oft günstig zu bekommen", sagt Manfred Schmidt vom Institut für Markentechnik in Genf. "In einigen Fällen kann man sich schon überlegen, ob man ein großes Haus kauft oder das Geld lieber für eine alte Marke ausgibt", sagt ein Marketingfachmann. Genaue Zahlen mag freilich niemand nennen.

Clevere Unternehmer haben mit Sinalco, Tri Top oder Carrera vorgemacht, wie sich frühere Kultprodukte, die in der Versenkung verschwunden waren oder vor dem Aus standen, wieder nach oben katapultieren lassen. Selbst die Comicfiguren Fix & Foxi sind zurück: Demnächst soll ein Kinofilm mit den beiden Füchsen starten.

Selbstläufer sind die alten Marken aber nicht - sie bedürfen schon guter Pflege. Gerade bei den früheren Kultgetränken gibt es da durchaus unterschiedliche Erfahrungen: Während etwa die Marke Sinalco wieder sprudelt, zischt Afri-Cola nur noch ganz leise - zu viel ist an der Rezeptur der einstigen Kult-Cola in den vergangenen Jahren verändert worden.

Doch meistens lohnt sich das Engagement. Schließlich setzen auch immer mehr Konzerne im Zeichen des Retro-Trends auf ihre früheren Modelle: So lässt Fiat, wohl angetrieben durch den Erfolg des BMW Mini, den knuffigen Flitzer Cinquecento gerade wieder aufleben - von dem italienischen Mythos wurden zwischen 1957 und 1975 3,9 Millionen Exemplare gebaut. Adidas und Puma machen mit Sportschuhen, die an die Sechziger- und Siebzigerjahre erinnern, blendende Geschäfte.

Zuletzt waren es Traditionsnamen wie Agfa und Hertie, die in Deutschland neu aufgelegt wurden. Das Handelsunternehmen Plawa aus dem baden-württembergischen Uhingen, das gerade mal zwei Dutzend Mitarbeiter beschäftigt, vertreibt seit Ende des vergangenen Jahres Digitalkameras unter dem Namen Agfa - bislang vorwiegend in Supermärkten zum Aktionspreis. Noch in diesem Jahr soll auch eine Kollektion für den Fotofachhandel auf den Markt kommen. Plawa, das vorwiegend in Fernost produzieren lässt, hat die Markenrechte für Kameras der insolventen Agfa Photo GmbH abgekauft. In drei bis fünf Jahren will Plawa mit Agfa-Digitalkameras einen Marktanteil von fünf Prozent in Europa erreichen.

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