Rohstoffe
Die Strippenzieher aus der Schweiz

Die mögliche Fusion zwischen Xstrata und Anglo American ist weiter in der Schwebe. Eine Schlüsselrolle spielt der Rohstoffhändler Glencore International, der Großaktionär von Xstrata ist. Glencore gehört zu den größten Privatunternehmen der Welt und würde von einer Fusion profitieren.

ZÜRICH/LONDON. Im Hintergrund spielt ein unbekannter Riese eine Schlüsselrolle bei der möglichen Fusion zwischen Xstrata und Anglo American. Der Rohstoffhändler Glencore International aus dem schweizerischen Baar könnte als Großaktionär von Xstrata seinen ohnehin enormen Einfluss auf die globalen Rohstoffmärkte weiter ausbauen. Gerade diese Aussicht könnte aber andererseits die Verhandlungen erschweren, wie im vergangenen Jahr der missglückte Zusammenschluss Xstratas mit dem brasilianischen Konkurrenten Vale zeigte.

Offiziell wollte Glencore zu den Gesprächen keine Stellung beziehen. Das Unternehmen ist als Partnerschaft organisiert und betreibt eine sehr zurückhaltende Informationspolitik. Branchenkenner sind aber sicher, dass Xstrata-Chef Mick Davis ohne die Zustimmung seines mit 35 Prozent größten Aktionärs keine Fusion mit Anglo betreiben würde.

Glencore gehört mit einem Umsatz von zuletzt 152 Mrd. Dollar und einem Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) von 4,4 Mrd. Dollar zu den größten Privatunternehmen der Welt. Die Firma wurde 1974 von dem umstrittenen Schweizer Finanzier Marc Rich gegründet, der sie 1993 an seine ehemaligen Partner und das Management verkaufte. Rich wurde 1983 in den USA wegen dubioser Ölgeschäfte mit dem Iran angeklagt und entzog sich einer Verhaftung durch Flucht in die Schweiz. Der frühere US-Präsident Bill Clinton begnadigte ihn kurz vor dem Ende seiner Amtszeit 2001.

Glencore ist heute längst nicht mehr nur Rohstoffhändler. Das Unternehmen hat bereits 1988 begonnen, selber Bergwerke und Hütten zu kaufen. Es nimmt heute eine weltweit einmalige Position als integrierter Rohstoffproduzent, -verarbeiter und-händler ein. Das Imperium reicht von Aluminiumhütten in den USA über Kohleminen in Peru und Sojafarmen in Argentinien bis zu Beteiligungen an russischen Ölfeldern. Der seit 2002 amtierende Firmenchef Ivan Glasenberg hat die Expansion weiter vorangetrieben.

Wie eng verbunden Glencore mit dem Schweizer Rohstoffkonzern Xstrata ist, zeigt schon die Tatsache, dass der Deutsche Willy Strothotte die Verwaltungsräte beider Konzer-ne führt. Die meist institutionellen Anleger, denen die restlichen 65 Prozent an Xstrata gehören, kritisierten zuletzt die Nähe der beiden Konzerne, als Xstrata Glencore im Zuge einer Kapitalerhöhung für zwei Mrd. Dollar kolumbianische Kohleminen abkaufte.

Diese Nähe dürfte auch für die Führung und die Aktionäre von Anglo American ein Grund zur Sorge sein. Wird Glencore nach einer Fusion exklusiv die von Anglo geförderten Rohstoffe vermarkten wollen? Eine solche Forderung hat nach Angaben von Vale im März 2008 aussichtsreiche Verhandlungen über einen Kauf von Xstrata scheitern lassen.

Kurz vor Bekanntwerden des Fusionsangebots von Xstrata an Anglo stand Glencore selbst im Zentrum von Marktspekulationen. Nach einem Bericht der "Financial Times" denkt die Gesellschaft über einen Börsengang nach. Grund könnte der im Vergleich mit börsennotierten Unternehmen geringere finanzielle Spielraum sein. So mussten die Gläubiger von Glencore für eine Kreditversicherung (credit default swaps) kräftige Preisaufschläge zahlen, weil am Markt Sorgen über die Liquiditätslage kursierten. Die Nettoverschuldung des Unternehmens liegt bei 14,4 Mrd. Dollar.

Gelänge eine Fusion von Xstrata und Anglo, würden die Glencore-Partner über ihre Beteiligung von den angepeilten Synergien profitieren. Umgekehrt müssten sie aber eine starke Verwässerung ihres Xstrata-Anteils in Kauf nehmen und würden an Einfluss verlieren. John Foley vom Online-Dienst "Breakingviews" brachte aber die Variante ins Spiel, dass Glencore sich auch direkt in den Deal einbringen könnte. Im Tausch gegen Aktien könne der Rohstoffhändler Teil des neuen Imperiums werden und so seinen Einfluss dauerhaft sichern. Damit wären nicht nur die Börsenplanspiele vom Tisch, Glencore hätte auch genügend Ressourcen, um seine Partner bei Bedarf auszuzahlen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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