Rosen Eiskrem Mit Aldi explodiert

Das Unternehmen kennt kaum jemand, seine Produkte hat dennoch fast jeder im Tiefkühlfach: Rosen Eiskrem ist Deutschlands größter Speiseeishersteller. Es ist aber gar nicht so einfach, mit Eis gutes Geld zu verdienen. Die Verbraucher verlangen ständig nach Neuem. Ein Blick hinter die Kulissen der Branche und ihres Primus.
  • Mario Brück
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Den Deutschen schmeckts: Rosen ist Europas größter inhabergeführter Eishersteller. Foto: dpa Quelle: dpa

Den Deutschen schmeckts: Rosen ist Europas größter inhabergeführter Eishersteller. Foto: dpa

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DÜSSELDORF. Europas Eiskremhochburg liegt nicht im schweizerischen Vevey, auch nicht in Nürnberg oder Hamburg; dort wo die namhaften Eiskremmultis Nestlé, Schöller oder Langnese ihre Konzernzentralen haben. Die europäische Eiskremmetropole ist Haaren - ein 3000-Seelen-Nest, ein Ortsteil von Waldfeucht, der kleinsten Gemeinde Nordrhein-Westfalens, tief im Westen der Republik, zwischen Mönchengladbach und Aachen, nur ein paar Hundert Meter entfernt von der holländischen Grenze.

Hier ist das Land so platt wie ein Eiskremstiel, und nichts versperrt die Sicht auf den riesigen Well- blechklotz am Ortsrand - mit der schwarzen Aufschrift: "Werk 2, Rosen Eiskrem GmbH", verziert mit dem Firmenlogo, einer stilisierten weiß-roten Rose.

Wer hier sein Eigenheim hochzieht, nimmt selten die Dienste von Bauunternehmen in Anspruch. Hier wird selbst Hand angelegt. Einer von denen, die wichtige Dinge lieber selbst in die Hand nehmen, ist Gotthard Kirchner, Deutschlands Eiskönig. Der 42-jährige promovierte Diplomkaufmann ist Inhaber und Geschäftsführer der Rosen Eiskrem GmbH.

Ein Unternehmen, das kaum jemand kennt, und doch lutscht fast jeder Deutsche die eiskalten Leckereien aus der Grenzregion. Rosen produziert neben der Marke Cassie vor allem für große Handelsketten: Be-Light-Eis für Aldi Süd, Mucci für Aldi Nord, Romanza für den Tengelmann-Discounter Plus, Noblissima und Inseleis für Lidl und Rios für die Rewe-Billigschiene Penny. Eine Marke mit dem Namen Rosen gibt es dagegen nicht.

Eisverbrauch nach Absatzort: Am meisten wird in Eisdielen geschleckt. Grafik: Wiwo.

Eisverbrauch nach Absatzort: Am meisten wird in Eisdielen geschleckt. Grafik: Wiwo.

In neue Dimensionen katapultierte Kirchner das Unternehmen zu Beginn des Jahres: Rosen übernahm vom Lebensmittelkonzern Nestlé die Speiseeiswerke seines Tochterunternehmens Schöller in Nürnberg und Prenzlau in der Uckermark. Der Schweizer Nahrungsmittelmulti will sich ganz auf das Geschäft mit den Premiummarken Mövenpick und Schöller konzentrieren und nicht mehr zusätzlich Handelsmarken herstellen.

Rosen dagegen ist auf solche Produkte spezialisiert, die inzwischen über 40 Prozent Marktanteil im deutschen Lebensmittelhandel haben. Durch die Übernahme wurde Rosen zum größten Speiseeis-Produzenten Deutschlands und konnte Langnese überflügeln. Der Umsatz des Familienbetriebs schnellte von 90 auf 230 Millionen Euro, die Produktionskapazitäten stiegen von 80 auf 230 Millionen Liter pro Jahr, die Zahl der Mitarbeiter erhöhte sich von 300 auf 750. Rosen ist nun Europas größter inhabergeführter Eiskremhersteller.

In einer Branche, die wächst. Insgesamt verzehrten die Deutschen im vergangenen Jahr rund 550 Millionen Liter Speiseeis, ein Plus von knapp drei Prozent. Ein ordentlicher Sommer, die Fußballweltmeisterschaft und zahlreiche neue Eisprodukte haben den Branchenumsatz um gut drei Prozent auf fast zwei Milliarden Euro klettern lassen. Im Schnitt schleckt jeder Deutsche über acht Liter pro Jahr. Spitzenreiter in Europa sind die Schweden mit 13 Litern. Vor allem die Kategorie der Groß- und Multipackungen, in der Rosen ausschließlich tätig ist, hat sich im vergangenen Jahr hierzulande wiederum positiv entwickelt - zulasten des sogenannten Impulseises, also der einzeln verpackten Eiskremvariationen am Stiel oder im Hörnchen.

Derzeit kümmern sich Kirchner und sein neuer Geschäftsführer Michael Müller, der im März von der Mars-Tochter Masterfoods (Whiskas, Uncle Ben’s-Reis) zu Rosen wechselte, um die Integration der ehemaligen Schöller-Werke. Doch gleichzeitig treiben die beiden die Expansion weiter voran.

Und das auf zwei Wegen. Zum einen folgt Rosen den großen Lebensmittelketten. "Wenn Aldi, Penny oder Lidl in ein neues Land vordringen, dann haben wir natürlich die Möglichkeit mitzuwachsen", sagt Kirchner. Zum anderen wollen die Haarener auch ausländische Handelsketten wie Carrefour, Tesco oder Sainsbury als Kunden gewinnen und damit den Auslandsanteil von bisher 15 Prozent in den kommenden fünf Jahren verdoppeln. Das Ziel: "Bis 2010", sagt Kirchner, "wollen wir einen Umsatz von 300 Millionen Euro erreichen."

Passend zum Landstrich hatte alles ganz klein und beschaulich begonnen. Gotthards Vater, August Kirchner, kaufte 1967 seinem Onkel Karl eine kleine Eisdiele in der Kreisstadt Heinsberg ab, das Café Rosen. Kirchner produzierte dort nicht nur Eis für das Café, sondern belieferte auch Haushalte in der Umgebung. 100 000 Mark erlöste der kleine Betrieb im ersten Jahr.

Das Geschäft brummte, und drei Jahre später zog Kirchner in die Räume einer ehemaligen Brauerei im benachbarten Haaren. 1974 gelang der Durchbruch: Mit der selbst kreierten Eismarke Cassie schaffte Kirchner erstmals den Sprung in die Eistruhen des Lebensmittelhandels. Die Edeka-Großhandlung in Moers listete Rosen, und Cassie landete in rund 150 Edeka-Läden. Heute zählen fast alle großen Handelsketten zu den Rosen-Kunden.

"Als mein Vater Mitte der Neunzigerjahre erkrankte, bin ich direkt von der Uni in Paderborn ins Unternehmen gekommen. Viel früher als es eigentlich geplant war", erinnert sich Kirchner. Der Junior wurde Geschäftsführer und übernahm 2001 alle Firmenanteile von seinem Vater. August Kirchner erholte sich wieder und ist auch heute mit 72 noch in der Geschäftsleitung und fast jeden Tag in seinem Büro. "Das ist ein Vollblutunternehmer. Was er sich gönnt, ist der ein oder andere Urlaubstag mehr", sagt Volker Dorn, ein ehemaliger Schöller-Manager und Branchenkenner, der die Kirchners bei der Integration der Schöller-Werke berät.

Einen Umsatzschub für Rosen brachte der Einstieg von Aldi Süd ins Eiskremgeschäft. "In enger Abstimmung mit den Aldi-Managern haben wir das Eiskremsortiment gemeinsam aufgebaut", sagt Kirchner. Mit der schier grenzenlosen Expansion der deutschen Discountketten im In- und Ausland "sind auch wir explodiert" - von 15 Millionen Euro vor zehn Jahren auf 90 im vergangenen Jahr. Nach der Schöller-Übernahme hat sich der Umsatz in diesem Jahr fast verdreifacht.

Eistrends früh zu erkennen ist für die Handelsmarkenprofis überlebensnotwendig. Der Lebensmittelhandel, allen voran die Discounter, verlangen ständig neue Produkte. 1998 entstand mit dem Werk 2 eine der größten und modernsten Anlagen Europas für die Herstellung von Stiel- und Sandwicheis.

Auf das Sandwicheis Nacho hat Rosen sogar ein weltweites Patent. Vor drei Jahren startete Rosen im hauseigenen Technikum die Entwicklung fettreduzierter Eiskreationen. Vor knapp einem Jahr ging eine vollautomatische Konfektionsanlage in Betrieb. "Wir haben damit auf den Wunsch des Handels reagiert, in einem Karton nicht nur Vanilleeis zu liefern, sondern auch Erdbeer, Kirsch und Schokolade."

Über eine speziell für Rosen entwickelte vollautomatische Fördertechnik werden bereits verpackte Kartons aus dem Kühlhaus zu den Entpackplätzen transportiert. Dort werden die sortenreinen Kartons automatisch ausgepackt und anschließend entsprechend der bestellten Sortierung des Kunden in neue Kartons verpackt. "Vorher schafften acht Mitarbeiter 35 Paletten à 75 Kartons, heute sind es zwei Mitarbeiter, die 150 Paletten pro Schicht stemmen", sagt Kirchner.

Bis zu 75 Prozent der Ware wartet in riesigen Kühllägern, bevor die Eissaison im Mai so richtig ins Rollen kommt. Von Mai bis August erlöst das Unternehmen rund 70 Prozent seines Jahresumsatzes.

Wohl einzigartig in der gesamten Lebensmittelbranche ist das International Ice Cream Consortium, bei dem Rosen seit zehn Jahren Mitglied ist. In diesem Netzwerk tauschen sich 13 familiengeführte Eiskremhersteller aus; ein Norweger ist dabei, ein Australier, ein Peruaner, ein Kroate und selbst ein Produzent aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. "Das geht von neuen Herstellungsverfahren über Produktinnovationen bis hin zu den Rezepturen", sagt Kirchner. "Wir legen alles offen. Es gibt keine Geheimnisse." Über den einmal jährlich stattfindenden Global Shop organisieren die Unternehmen auch den gemeinsamen und damit kostengünstigeren Einkauf von Maschinen, Verpackungsmaterial oder Eiswaffeln.

Der Frage, wie viel Eis Deutschlands Eiskönig selbst verputzt, weicht Gotthard Kirchner dagegen aus. "Nicht so viel wie mein Vater", sagt er. "Ich esse Eis aus beruflicher Neugier, mein Vater aus Überzeugung."

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