Rostprobleme in der Prudhoe Bay
BP redete Warnungen klein

BP und die Umweltbehörde des US-Bundesstaates Alaska haben offenbar gemeinsam Kritik an den Ölleitungen des Konzerns unterdrückt. Ein Untersuchungsbericht zeigte schon 2001 die Rostprobleme an den Leitungen in Alaska. Daran sind auch einige Politiker beteiligt.

DÜSSELDORF. Dem „Handelsblatt“ liegt ein Untersuchungsbericht der Ingenieurfirma Coffman aus Seattle vor. In diesem elfseitigen Report sind bereits 2001 zahlreiche Mängel an dem Rostschutzprogramm für Prudhoe Bay, das größte Ölfeld der USA, aufgeführt worden.

Doch die Kritik, die Coffman in scharfer Form übt, wurde nicht veröffentlicht. Denn bevor die Umweltbehörde ADEC sie zu ihren Akten nahm, erhielt sie einen Brief von BP. „Der ganze Ton des Untersuchungsreports scheint extrem negativ“, heißt es in dem Schreiben von BP an ADEC, das dem Handelsblatt ebenfalls vorliegt. Auf fünf Seiten attackiert der britische Ölkonzern die Kritik von Coffman und schließt mit dem Vorschlag, die Schlussfolgerungen des Untersuchungsberichts bis auf einen Absatz komplett umzuschreiben.

Genau das geschah. In einer zweiten Fassung, die Anfang 2002 veröffentlicht wurde, erscheint BP in einem wesentlich besseren Licht. Statt der Klage über mangelnde Daten und die Art der Aufbereitung steht in dem offiziellen Coffman-Report nun: „Die Resultate zeigen, dass die internen Verrostungstrends der Leitungen sich seit 1993 regelmäßig verbessert haben und derzeit den niedrigsten Stand seit zwölf Jahren aufweisen.“

Es ist unklar, wer genau die Umformulierung veranlasste. Ein BP-Sprecher sagte in einer Stellungnahme in den USA, BP habe lediglich versucht, Fehler in dem Report zu vermeiden. Coffman erhielt nach der Neufassung des Berichts mehrere Folgeaufträge von der Umweltbehörde. Ein Coffman-Vertreter sagte, ihm sei von keiner Nötigung seiner Firma durch BP bekannt. Er wollte sich jedoch wegen einer laufenden Untersuchung gegen BP nicht weiter äußern.

Die eigentliche Kritik richtet sich in diesem Fall allerdings nicht gegen BP, sondern gegen die verantwortlichen Politiker in Alaska. Eine ADEC-Sprecherin sagte, man werde sich den Originalbericht und den Grund für seine Änderung anschauen. Frank Murkowski, der Gouverneur von Alaska, hatte BP in jüngster Zeit scharf angegriffen. Der Konzern musste das Ölfeld Prudhoe Bay am 6. August wegen verrosteter Leitungen zu großen Teilen stilllegen, Alaska verliert seitdem mehrere Millionen Dollar pro Tag an Steuereinnahmen.

Murkowski sagte, er wolle Schadenersatzforderungen an BP prüfen, falls sich herausstellen sollte, dass BP seine Ölleitungen fahrlässig schlecht gewartet habe. Die jetzt aufgetauchten Dokumente machen aber die Politik in Alaska nicht zum Opfer, sondern zum Mitwisser. Die Originalfassung des Coffman-Reports thematisierte jene Punkte, die von der Politik heute angemahnt werden. Unter anderem bemängelten die Experten, dass BP die Leitungen nicht ausreichend auf innere Durchrostung prüfe. Die Kritik wurde in der zweiten Fassung abgeschwächt.

Vier Jahre später, im März 2006, führte genau diese Durchrostung zum größten Leitungsunfall in der Geschichte Alaskas. 800 000 Liter Rohöl traten aus und verseuchten die Arktis. Anfang August war es erneut die innere Verrostung, die zu Lecks und schließlich zur Schließung des riesigen Feldes führte.

Experten sahen diese Entwicklung seit Jahren voraus. „Mit der Angelegenheit vertraute Personen erwarten in Prudhoe Bay wegen der nicht entschärften Rostgefahren eine Katastrophe für Natur und Menschen“, schrieb der Ölaktivist Charles Hamel im Februar 2004 an BP sowie verantwortliche Politiker. Doch sein Brief, der dem Handelsblatt vorliegt, blieb ohne Folgen.

„Wenn wir uns den Originalreport von Coffman und die folgenden Reports ansehen wird klar, dass Alaska BP nicht verklagen kann“, sagt Hamel heute. „BP und die Politiker von Alaska stecken unter einer Decke.“

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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