Rückrufaktion: China lässt gegenüber VW die Muskeln spielen

Rückrufaktion
China lässt gegenüber VW die Muskeln spielen

Qualitätsmängel und öffentlicher Druck bringen Volkswagen dazu, eine Rückrufaktion in China zu starten. Die Situation zeigt, dass in dem Land selbst Großinvestoren nicht auf staatliche Rückendeckung bauen können.
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PekingBei seiner bisher größten Rückrufaktion in China holt der Volkswagenkonzern insgesamt 384 000 Autos wegen Problemen mit dem Getriebe in die Werkstatt zurück. Vier Tage nach der ersten Ankündigung des Vorhabens auf seinem weltweit wichtigsten Absatzmarkt bestätigte ein Volkswagen-Sprecher in Peking entsprechende Zahlenangaben der chinesischen Qualitätsaufsichtsbehörde (AQSIQ).

Der Rückruf erfolgt nach Angaben von Volkswagen „freiwillig“ und nicht auf Druck der Behörden. Die chinesische Qualitätsaufsicht hatte Volkswagen allerdings am Samstag aufgefordert, defekte Autos zurückzurufen. Die Behörde selbst reagierte auf einen Bericht des Staatsfernsehens CCTV vom Vortag über die Getriebeprobleme und unzufriedene Kunden, die ihre Probleme schilderten.

Mit einem Anteil von 14 Prozent im vergangenen Jahr dominiert VW den Markt. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht würde es jedoch lieber sehen, wenn die Anteile gleicher verteilt wären – und dass die einheimischen Anbieter einen größeren Teil des Kuchens abbekämen. Das mischt sich mit einer subjektiv Wahrnehmung von Arroganz des Weltkonzerns, die chinesische Medien und Kunden zuletzt immer wieder beklagt haben.

Politische Rückendeckung ist gleichwohl in einer Staatswirtschaft wie China die wichtigste Grundvoraussetzung für Geschäftserfolg. Der Staat hat zahlreiche Möglichen, den Absatz zu fördern oder zu bremsen. Er kann beispielsweise Genehmigungen schneller oder langsamer erteilen. Die Autobranche leidet beispielsweise auch 35 Jahre nach der Öffnung des Landes noch unter der Pflicht, in Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Herstellern zu produzieren und dabei ihre Geschäftsgeheimnisse zu offenbaren.

Aktionen wie der plötzliche Angriff durch CCTV und AQSIQ könnten dazu dienen, die Machtverhältnisse noch einmal klar zu zeigen. Volkswagen bleibt in so einer Lage wohl nichts Anderes übrig, als Demut und Kundennähe zu beweisen – daher die blitzartige Ankündigung des Rückrufs, obwohl das Problem nach früheren Konzernangaben schon weitgehend bereinigt ist und mehr in der Wahrnehmung der Kunden weiterlebt.

Es geht um Schwierigkeiten mit einem bestimmten Typ von Doppelkupplungsgetrieben, die seit März 2012 bekannt sind. In einer Serviceaktion sei schon bei mehr als 90 Prozent der betroffenen Autos neue Software aufgespielt worden, berichtete Volkswagen.

Nach Angaben der Aufsichtsbehörde in Peking sind Autos aus chinesischer Produktion vom Typ Passat, Touran, New Bora, Sagitar, Magotan, Lavida und Skoda Octavia, Superb sowie auch importierte Fahrzeuge vom Typ Golf Variant, Scirocco, Cross Golf und Audi A3 betroffen. Die Aktion beginnt am 2. April.

Schon im vergangenen Mai hatte Volkswagen angesichts der Probleme gemeinsam mit den beiden chinesischen Joint Venture-Partnern entschieden, die Garantie für die Direktschaltgetriebe (DSG) DQ200 und DQ250 in China zu erweitern. Diese gilt jetzt für zehn Jahre oder bis zu 160.000 Kilometer.

Von den 9,1 Millionen Autos des Konzerns weltweit wurden im vergangenen Jahr in China 2,8 Millionen verkauft. VW-Chef Martin Winterkorn hat diesen Monat angekündigt, auf dem wichtigsten Fahrzeugmarkt der Welt in China sieben seiner derzeit zehn weltweit geplanten Werke bauen zu wollen.

Fahrzeuge in Deutschland, Europa, Süd- und Nordamerika seien von dem technischen Problem nicht betroffen, sagte ein VW-Sprecher auf Nachfrage gegenüber Handelsblatt Online. Aus anderen Regionen als China lägen keine Beschwerden von Kunden vor. Zur Ursache hieß es, die besonderen klimatischen Bedingungen (heiß und feucht) könnten zu den Problemen mit der elektronischen Steuerung der komplexen DSG-Mechatronik geführt haben.

Volkswagen hatte als erster Hersteller überhaupt Doppelkupplungsgetriebe seit 2002 in der Serienproduktion eingesetzt, bislang wurden weit über 1,5 Millionen Modelle damit ausgestattet.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

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  • "Politische Rückendeckung ist gleichwohl in einer Staatswirtschaft wie China die wichtigste Grundvoraussetzung für Geschäftserfolg".
    Offensichtlich ein Satz von VW, Arroganz wie immer, schlechte Qualität wie immer.

  • Die Chinesen werden ihr Lohnniveau steigern und damit einen großen Binnenmarkt schaffen. Dies geht natürlich auf Kosten ihrer Exporte aber sie haben inzwischen schon begriffen dass sich die Krise in der westlichen industrialisierten Welt noch verschärfen wird und dass dort daher der Konsum zusammenbrechen wird. Es dort also bald nicht mehr viel zu exportieren gibt. Nur werden sie sicherlich nicht ihre Restriktionen den westlichen Produzenten gegenüber lockern und jeder der sich auf ihr Spiel einlässt begibt sich auf sehr dünnes Eis.

  • Hochmut kommt vor dem Fall!

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