Russland
Machtpoker um die Ölquellen

Der Fall TNK-BP zeigt: Politiker und Oligarchen kämpfen im Energiesektor mit harten Bandagen. Doch der Streit um das britisch-russischen Gemeinschaftsunternehmen ist noch längst nicht ausgestanden. Eines ist sicher: Drohende Eingriffe dämpfen die Investitionslaune.

MOSKAU. Es galt als die letzte „Baustelle“ bei der Neuordnung der russischen Öl- und Gasindustrie – das britisch-russischen Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP. Spätestens seit der Zerschlagung des größten russischen Ölkonzerns Yukos vor vier Jahren stand für viele Beobachter in Moskau fest: Anders als in der Finanzbranche oder dem Einzelhandel wird der russische Staat seinen Einfluss auf den wohl wichtigsten strategischen Sektor der Wirtschaft weiter ausbauen und dabei nicht zimperlich sein.

Dem Kreml unter der Führung Wladimir Putins waren mit zunehmend steigenden Energiepreisen vor allem die Abkommen mit den großen Ölmultis ein Ärgernis, die Russland in den Neunzigerjahren geschlossen hatte – zu Konditionen, die der russischen Seite nun nicht mehr zumutbar schienen. Auch TNK-BP, der drittgrößte Ölförderer des Landes, dessen Anteile paritätisch zwischen BP und dem russischen Konsortium AAR der Oligarchen Michail Fridman, Wiktor Wekselberg und Leonid Blawatnik verteilt sind, passte nicht mehr in Putins Doktrin. Danach sollte Russland die Mehrheit an allen Öl- und Gas-Unternehmungen halten.

Als erster musste aber der Ölkonzern Royal Dutch Shell schlechte Erfahrung machen. Der niederländisch-britische Multi hatte auf der Insel Sachalin in Russlands fernem Osten mit einem 22 Mrd. Dollar schweren Projekt eine der wohl schwierigsten und riskantesten Investitionen im Land begonnen: Es galt nicht nur, die Ausbeutung der großen Öl- und Gasvorkommen vor der Küste zu starten, für die es den russischen Unternehmen an Erfahrung fehlte. Vielmehr sollte auch die erste Anlage zur Verflüssigung von Erdgas (LNG) in Russland gebaut und so der Zugang zu einem Zukunftsmarkt erschlossen werden.

Über Monate mussten der Multi und seine ausländischen Partner zusehen, wie der russische Staat über eine Kampagne zum vorgeblichen Schutz der Umwelt eine Drohkulisse gegen das Projekt aufbaute, die am Ende offenbar auf nur noch eine Wahl hinauslief: „Entweder, ihr lasst den Staat ins Projekt, oder ihr seid die Lizenz los.“ Das Shell-Konsortium entschied sich, die Mehrheit an Gazprom zu verkaufen.

Ähnlich ging es wenig später TNK-BP mit dem lukrativen sibirischen Gasfeld Kowikta: Auch dort setzte sich Gazprom durch. Am Ende der Amtszeit Putins stand der russische Staat als der klare Gewinner bei der Umverteilung fest. Was TNK-BP blieb – so schien es –, war die „unzeitgemäße“ Eigentümerstruktur bei dem Gemeinschaftsunternehmen selbst.

Doch um eine grobe Verstaatlichung geht es dem Kreml im Fall TNK-BP offensichtlich nicht – in den vergangenen Monate hätte sich dazu ausreichend Gelegenheit geboten. Die Frage der Finanzierung mag eine bremsende Rolle gespielt haben: Auch Staatskonzerne wie Gazprom und Rosneft können angesichts der weltweiten Finanzkrise und ihrem gewaltigen Investitionsbedarf nicht unbegrenzt Milliarden-Übernahmen stemmen.

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